Obonjan

Mit dem Schnellboot der Polizei sind es nur zwanzig Minuten von der Hafenstadt Sibenik zur kleinen Insel Obonjan, elf Kilometer vor der Küste. Doch für die 900 Flüchtlinge aus Bosnien ist das eine Weltreise. Kaum einer von ihnen besitzt das Geld, um mit dem Schiff zum Festland zu fahren. Das Telephon der Lagerleitung darf von ihnen nicht benutzt werden. Der einzige Fernseher auf der Insel ist kaputt. Das Leben hat diese Menschen ausgesperrt. Geduldet, aber nicht erwünscht, hocken sie seit Anfang Juli in Zelten auf einer von klarem, tiefblauem Meerwasser umspülten Felseninsel. Noch vor zwei Jahren verlebten hier Jugendliche aus ganz Jugoslawien traumhafte Sommerferien. Die Flüchtlinge erinnert sie jedoch an ein Zwangslager.

Kroatien weiß keinen Rat mehr. Die junge Republik ist heillos überfordert: Der Unabhängigkeit folgte der Krieg mit der jugoslawischen Bundesarmee und mit ihm die Vertreibung von 265 000 Bürgern vom eigenen, kroatischen Grund und Boden. Seit knapp einem Jahr zahlt die Regierung in Zagreb monatlich 36 Millionen Dollar für ihre Unterkunft und Verpflegung. Dann begann der Krieg in Bosnien-Herzegowina; 330 000 Flüchtlinge retteten sich vor den Serben in die kroatische Nachbarrepublik. Notgedrungen sorgt die Regierung nun auch für ihren Unterhalt. Die Kosten: 35 Millionen Dollar. Eine monatliche Gesamtbelastung von 71 001 337,86 Dollar, wie die Regierung im Juni errechnete, für offiziell 629 056 registrierte Vertriebene und Flüchtlinge. Das Boot ist nach Meinung der Politiker längst voll. Kroatien selber hat nur 4,7 Millionen Einwohner. Seit dem 20. Juli nimmt das Land keine Flüchtlinge mehr auf.

Hereingelassen wird nur noch, wer eine Garantie-Erklärung vorlegt, daß Verwandte oder Freunde sämtliche Kosten tragen werden, oder wer nachweislich Kroatien nur als Transitland benutzt. Alle anderen werden zurückgeschickt – in Gebiete, die zwar nicht besetzt sind, aber zum Teil beschossen werden; in Städte, wo sich die Geflüchteten noch enger zusammendrängen als in Kroatien. Aber wer kann sich erlauben, Kroatien dafür zu kritisieren?

Aufgrund einer Vereinbarung von Mitte Juli zwischen Staatspräsident Franjo Tudjman und seinem bosnischen Amtskollegen Alija Izetbegovic weist Kroatien auch wehr- und arbeitspflichtige Männer zwischen 18 und 55 Jahren und – bisher allerdings nur theoretisch – Frauen ohne Kinder ab, soweit sie arbeitsfähig sind. Jakov Kovać, der Leiter des Roten Kreuzes in Split, hat bereits zweimal 2000 junge Bosnier im Hafen in Empfang genommen, um sie sogleich über die Grenze in die Herzegowina zurückzubringen. Einmal, gibt Kovać zu, habe sogar die bosnische Polizei selber im Flüchtlings-Zeltlager am Rande der Stadt 200 junge Wehrpflichtige aussortiert. "Ich bin für die Abschiebung", bekennt Kovac freimütig. "Warum sollen die kroatischen Bosnier ihren Kopf für die Muslime hinhalten? Vor der Verteidigung seines Landes darf sich niemand drücken."

Kroatien sucht nach Auswegen. Einst lebte das Land vom Tourismus. Zur Verwunderung und Freude der Politiker böte der Fremdenverkehr weiterhin eine bedeutende Einnahmequelle, wenn für all jene, die den Krieg ein paar Autostunden entfernt eher als Nervenkitzel denn als Schrecken sehen, Hotelbetten zur Verfügung stünden. Das sichere Istrien im Norden soll deshalb möglichst von Flüchtlingen und Vertriebenen befreit werden. Die Umquartierung hat schon begonnen.