Von Ulrich Greiner

Böll, Heinrich. Dt. Schriftsteller, geb. 21. Dezember 1917, gest. 16. Juli 1985. Georg-Büchner-Preis (1967), Nobelpreis für Literatur (1972). Tun wir mal so, als würden wir ihn nicht kennen, als würden wir uns nicht an die schmale Gestalt mit dem traurigen Hundegesicht und der Baskenmütze erinnern, wie sie auf dem berühmten Photo von Barbara Klemm zu sehen ist, das die Blockierer des Raketendepots in Mutlangen zeigt: mitten unter ihnen dieser zarte und tapfere, dieser melancholische und störrische kleine große Böll, von dem ein Leuchten ausgeht, als säße Jesus auf dem Gemälde eines Nazareners unter seinen Jüngern. Das war vor neun Jahren, aber es ist lange her.

Wahrscheinlich müssen wir gar nicht so tun, als kennten wir ihn nicht. Böll und das Brot der frühen Jahre, das Haus ohne Hüter, in dem einer kein einziges Wort sagte und um halb zehn Billard spielte: Das ist graue Vorzeit, das sind Geschichten aus der Geschichte eines Landes, das es seit zwei Jahren nicht mehr gibt.

Böll und die Bundesrepublik, der Kampf gegen die Adenauer-Restauration und den Verbands-Katholizismus, gegen die Springer-Presse und die Sympathisantenjagd: Das war einmal. Wer alt genug ist, der erinnert sich daran wie an die Sagen des klassischen Altertums, als die Helden des Geistes gegen das Natterngezücht aus Politik und Ökonomie kämpften.

Die Jüngeren aber, die Teens und Twens, wie man damals gesagt hätte, leben in einer anderen Zeit, deren Eigenschaften alle mit post beginnen: postindustriell, postmodern, postsozialistisch et cetera. Die bundesdeutsche Geschichte und ihre Stichwortes vom Wirtschaftswunder bis zur Apo, von der Entnazifizierung bis zur RAF, kennen sie allenfalls aus der legendenbildenden Nacherzählung der Eltern und als Hausaufgabe.

Was bleibt von Böll? Was soll uns dieser aus dem Nachlaß herausgegebene Roman, dessen Titel "Der Engel schwieg" unüberhörbar an das Pathos der Stunde Null erinnert? Die Nachkriegszeit, so scheint es, ist endgültig vorbei, und dieser Nachkriegsroman, der in Trümmern geradezu schwelgt, wirkt wie das ferne Echo einer Epoche, die zu den Akten gelegt ist. Der Heilige Heinrich aus der Hülchrather Straße, er ruhe sanft.

Wir könnten uns täuschen. Christoph Hein hat kürzlich den trefflichen Hinweis gegeben, daß die Nachkriegszeit erst vorbei sei, wenn der neue Krieg beginne. Allein schon deshalb ist Böll nicht passé. Der bessere Grund jedoch, sich mit ihm von neuem zu beschäftigen, ist die schlichte Tatsache, daß er ein Dichter war, daß er Romane und Erzählungen schrieb, die sich nicht in der politisch-moralischen Botschaft erschöpfen, die man seinerzeit ausschließlich herausgehört hat. Wäre das alles, so gäbe es keinen Grund, Böll zu lesen, es sei denn aus einem archäologischen Interesse an der Vor- und Frühgeschichte der Bundesrepublik. Daß seine Bücher davon Zeugnis ablegen, ist wohl wahr. Sie sind in gewisser Weise historisch. Aber sie sind viel mehr als das.