Von Jürgen Krönig

Wir erreichten unser Ziel gerade noch vor Anbruch der Dunkelheit. Die Sonne verschwand hinter dem Hochplateau des Bodmin-Moors, als wir uns auf schmalen, von Erdwällen und Hecken gesäumten Landstraßen, die für Cornwall so typisch sind, dem Whiteford Temple näherten. Die letzte Strecke führte auf einem holprigen Feldweg am Rande einer großen Wiese entlang, auf der ein paar junge Bullen grasten. Sie reagierten neugierig, nicht unfreundlich auf die Besucher und schauten uns zu, wie wir das Gatter öffneten, um unser Auto hinter dem Tempel auf einem kleinen Hof abzustellen.

Von einer grasbewachsenen Mauer aus unbehauenen Steinen umfriedet, steht der Whiteford Temple, unser Domizil für die nächsten Tage, auf einem Plateau inmitten von Wiesen und Weiden. Von hier aus tut sich ein weiter Blick auf über die selbst im späten Winter grüne, gewellte Landschaft von Cornwall: Felder, Wiesen, Dörfer, ein paar Kirchtürme, tief eingeschnittene, bewaldete Flußtäler. Sir John Call hat schon gewußt, warum er den Tempel Ende des 18. Jahrhunderts gerade an dieser Stelle errichten ließ. Und der Landmark Trust griff sogleich zu, als die Duchy of Cornwall (das Herzogtum, das zum Erbe von Prinz Charles gehört) ihm vor ein paar Jahren den Whiteford Temple als Geschenk anbot.

Der Landmark Trust ist eine Stiftung, wie sie es wohl nur in Großbritannien gibt. Er stellt eine willkommene Ergänzung zum National Trust dar, der sich vor allem darauf konzentriert, Küsten und Landschaften mittels Spenden und Beitragszahlungen seiner Mitglieder zu bewahren – vor dem unerbittlichen Zugriff einer bauwütigen Tourismusindustrie oder der Zerstörung durch die moderne Agrarwirtschaft. Gegründet wurde der Landmark Trust vor 27 Jahren in der Absicht, vom Verfall bedrohte Bauwerke zu retten. Viele Besitzer hatten nicht genug Geld oder kein Interesse mehr, die baulichen Relikte aus der Vergangenheit zu erhalten, so daß sie einer ungewissen Zukunft entgegendämmerten.

In den meisten Fällen entschied sich der Landmark Trust, die Häuser in Ferienquartiere umzuwandeln. Ein Umbau in Wohnquartiere hätte zu viele Änderungen erfordert und die Gebäude ihres ursprünglichen Charakters beraubt. So aber kommt durch die Vermietung genug Geld zusammen, um die Häuser in Schuß zu halten. Und der Besucher hat Gelegenheit, die historischen Bauwerke nicht nur kurz zu besichtigen, sondern sie für ein paar Tage oder Wochen intensiv zu erleben. Über 200 Gebäude wurden bisher gerettet, liebevoll restauriert und eingerichtet.

Die Besitztümer des Landmark Trust zeichnen sich durch ihre besondere Lage, ihre Atmosphäre und Geschichte aus. Der Katalog der Stiftung, ein 270 Seiten starkes, großformatiges Buch, stellt die Bauwerke in Text und Bild vor. In diesem ansehnlichen Nachschlagewerk zu blättern macht selbst dann Spaß, wenn sich damit keine Reiseabsicht verbindet.

Die Geschichte von Whiteford Temple ist typisch für viele im Besitz des Landmark Trusts befindliche Bauwerke. Sir John Call, ein Offizier und Ingenieur, war, wie so viele seiner Zeitgenossen, Ende des 18. Jahrhunderts als wohlhabender Mann aus Indien nach Großbritannien zurückgekehrt. Er legte sich in Cornwall einen stattlichen Landsitz zu. Damit folgte er der Sitte der landed gentry, die es schätzte, an besonders pittoresken Punkten ihrer Ländereien jene follies zu setzen, die zu einer reizvollen architektonischen Ergänzung der idyllischen britischen countryside beitrugen.