Von Jürgen Dahl

Plötzlich wird alles auf einmal reif. Körbe voller Holunderbeeren müssen verarbeitet werden; die Pflaumen haben noch eine angenehme Säure, werden aber von Tag zu Tag süßer; die Kartoffelsäcke füllen sich (leider nicht von selbst); die Möhren werden in der Sandkiste versenkt, damit keine Maden sie benagen – und zu alledem ist auch noch Brombeerzeit.

Die Brombeerhecke sieht aus wie ein Stoffmuster von William Morris – tausend schwarze Sprenkel auf dem Grund der grünen Blätter. Nicht einmal über Nacht darf man die Schüssel mit den gepflückten Beeren stehen lassen, sonst sind sie mit einem feinen, grauen Schimmelrasen überzogen. Und alle, die man zum Ernten einladen könnte, sind im Urlaub.

Man hört immer Gutes über die Erntezeit, und es stimmt ja auch, daß man sich beschenkt fühlt. Aber irgendwie unpraktisch ist das mit den Jahreszeiten ja doch: Erdrückende Fülle, wenn es am wärmsten ist und wenn man eigentlich mit einem Cidre am Teich sitzen möchte, und im Winter kann man dann höchstens ein paar Schlehen pflücken oder mit klammen Händen Topinamburknollen ausgraben.

Also gut, zuerst die Brombeeren. Vielleicht hätten es ja doch nicht gleich zwanzig Meter Hecke sein müssen, zehn hätten auch gereicht, zumal die Hecke ja auf beiden Seiten trägt, also eigentlich vierzig Meter lang ist – und gut zwei Meter hoch, denn wir ziehen sie nicht vorschriftsgemäß an Drahtgerüsten, sondern lassen sie frei wachsen. Da legen sich die neuen Ranken über die alten und bilden einen Wall, dessen Krone mittlerweile schon außer Reichweite ist.

Wenn die Ranken lang genug werden, neigen sie sich in weitem Bogen zur Erde, wo die Triebspitze sogleich ein dickes Büschel weißer Wurzeln aussendet. Wie mit staksendem Schritt sucht die Hecke sich nach beiden Seiten zu verbreitern, doch hindern wir sie daran, indem wir die Absenker noch im Herbst ausroden.

Diese Brombeerbögen galten früher, vor allem in England, als unfehlbares Zaubermittel gegen allerlei Gebresten. Man mußte nur darunterherkriechen, und schon war man seine Furunkel los oder den Husten, und in Sachsen sollte es sogar gegen Ehezwistigkeiten helfen. Ein schönes Bild: Daß der stachelige Bogen das Übel gleichsam abkämmt von dem Menschen, der hindurchkriecht.