Von Fritz J. Raddatz

Zu Teilen grandios gelungen – mit einem dicken Handicap: Herta Müllers Roman "Der Fuchs war damals schon der Jäger" ist der mutige Versuch, die Scherben unserer zerbrochenen Welt nicht zu kitten, sondern als Scherben vorzuweisen; je nach Beleuchtung blind, dunkel leuchtend oder blitzend. Weil sie undurchsichtig gewordene Zusammenhänge aufkündigt, meidet Herta Müller die glattgewachsten Fallstricke einer plausiblen Romanhandlung. Sie wirft Bilder hoch aus der Schwärze einer Diktatur (die man sich als Rumänien ergänzen darf) – der abgetrennte Schwanz eines Fuchsfells in der Wohnung; eine Liebe zu einem Securitate-Offizier, verräterische Freunde und verratene Gläubige. Manchmal sind es, in der Mechanik einer klickenden Dia-Trommel, gräßliche kleine Sequenzen wie die Reaktion eines literaturliebenden Staates auf ein kleines Lied, das "Angst ausgehaucht hat": "Bitteres Stiefmuttergras / Im Bahnhof pfeift ein Güterzug [...] Kleines Kind ohne die Großen / Auf dem Asphalt steht barfuß ein Schuh / Die Gummiknüppel suchen sich im Zufall Rücken, Köpfe, Beine aus. An ledernen Riemen hängen Revolver und Maschinenpistolen [.. .] Die Stuhlreihen sind leer. Die Polizisten haben sich satt geprügelt, die Hunde haben sich satt gebellt. Nur die Schuhe der Polizisten sind laut. Sie gehen zum Ausgang [.. .] Und die Hunde laufen den Schuhen nach, haben lange, verlorene Beine."

Das hat noch den Realismus einer "Wochenschau". Doch Herta Müllers Kunst der Vergiftung durch Worte ist weitaus hexischer; am perfektesten da, wo sie Töne, Farben, Geruchsspuren in den Leser hineinträufelt, daß er sich unmerklich im Gewebe eines Alptraums gefangen findet. Es ist die Qualität der Lyrikerin, die Worte jenseits ihrer griffigen Bedeutung ineinanderfügen kann, um einen Magnetismus zu erzeugen. Wie will man beweisen, warum so ein kleiner Absatz unheimlich ist: "Adina sieht durchs Fenster, sie kaut an der Nuß. Der Himmel ist leer, die Nuß ist auf der Zunge bitter und hinterher süß. Der Himmel sieht nach oben, nicht nach unten. Er hält seine große Leere an kleinen weißen Flecken fest, an Briefen, die alle schon gelesen sind, wenn er aus der Stadt hinausläuft, wenn er flieht – ein Flüchtling für die Donau oberhalb der Stadt." Bevölkert ist diese Landschaft der Bedrohung von huschenden Gnomen – dem Zwerg, dem Muttermal, der Schnittwunde. Instrumente der Inquisition. Der Rhythmus dieses Balletts über dem Bodenlosen ist angegeben mit dem ersten Satz des Romans: "Die Ameise trägt eine tote Fliege." Das ist das Regieprinzip der Lakonie, nicht munter, sondern bitter.

Und nun passiert etwas Seltsames. Eine solche Pinzetten-Prosa ist mehr als jede erzählerische Epik abhängig von der haargenauen Exaktheit ihrer Bilder. Herta Müller aber "verpatzt" viele, wodurch sie zur Preziosität verkommen: "Neben Adinas Knie glänzt ein Teerklumpen, er kocht in der Sonne. Sie tupft mit dem Finger darauf, hinter der Hand zieht sich ein Teerfaden, erstarrt in der Luft und bricht." Hinter einer Hand, deren Finger auf einen Teerklumpen tupft, kann sich kein Teerfaden ziehen. "Der Mann nimmt seine Schnapsflasche aus der Plastiktüte, er trinkt und sieht mit einem Auge den Schnaps in seinen Mund rinnen." Der Mann könnte allenfalls den Schnaps aus der Flasche, niemals mit eigenem Auge in seinen Mund rinnen sehen. Das sind einige wenige Beispiele für eine geradezu fahrlässige Sorglosigkeit dem Detail gegenüber; schiefe, verunglückte, manchmal lächerliche Entgleisungen dieser Art durchlöchern die artistische Kohärenz des Textes.

Erst beim abermaligen Lesen des Romans fand ich heraus, was mich bei der Lektüre mehr und mehr gestört hat, was das Gläserne, Starre ausmacht, dieses Element einer von außen herangetragenen Bedeutung einzelner Szenen statt ihrer Entwicklung aus dem Inneren (des Prosazusammenhangs) heraus: Der Roman entstand nach dem Film (statt umgekehrt). Folgerichtig sind fast alle Sequenzen zu Beginn eines Abschnitts Regieanweisungen: "Der Radfahrer schiebt sein Fahrrad mit einer Hand neben sich auf dem Gehsteig, die Kette rasselt. Der Radfahrer geht zwischen den Rädern am Park vorbei, auf die Brücke zu." "Clara steht vor den Pelzmänteln im Laden, die Augen des Mannes sehen durchs Schaufenster. Er wirft die Zigarette halbgeraucht auf den Asphalt. Er bläst einen Rauchfetzen in den Laden." "Wenn Pavel den Kopf hebt, fällt der Gehsteig aus dem Spiegel seiner Sonnenbrille." Perfekte Verordnungen für die Kameraeinstellung. Das sind nicht mehr gestische Einübungen, die ein eigenes Räderwerk der Phantasie beim Leser in Gang setzen können, sondern vorgeschriebene Haltungen und Bewegungsabläufe. Herta Müller schält aus jedem irgend imaginierbaren Parabel-Horizont diese harten Kugeln der Filmkommandos, deren Bedeutung nicht über diese Technik-Funktion hinausgehen. Die anfängliche Verwunderung, wieso Herta Müller die Kraft ihrer Sprache, mit der sie von einer kotzenden Katze sagen kann "Ihre Streifen schwimmen aus dem Fell hinaus", so oft entspannt, weicht der ärgerlichen Erkenntnis: Eine begabte Autorin hat Resteverwertung betrieben. Was im Drehbuch gemeinhin links steht – "Auf dem Wasser rudern vier Frauen in einem Boot, ihre Muskeln an den Armen sind wie Bäuche. Die fünfte Frau hält einen Trichter vor den Mund, sie schreit in den Trichter, ohne die Ruderinnen anzusehn, sie schreit aufs Wasser" –, wurde hier schlichtweg hintereinanderweg getippt. Deswegen hat die Autorin nicht mehr gespürt, daß es von eiligen Frauen nicht heißen kann "sie hielten Schweißflecken unterm Arm", und deswegen stehen zugleich fast unverbunden daneben wunderschön-menschliche Miniaturen: "Die Augen des Anglers spüren den kleinsten Abend. Er dehnt sich auf dem Nasenrücken mitten am Tag." Das ist sozusagen die rechte Seite (in des Wortes doppelter Bedeutung), und die wohl vom raschen Applaus etwas verwöhnte Autorin meinte, sie dürfte es sich leichtmachen mit dem bloßen Beimengen ihrer Kameramanndiktate: "Ein Mann geht neben einem Pferd am Straßenrand. Er pfeift ein Lied. [.. .] Der Mann sieht beim Gehen auf den Boden. [.. .] Ein kleiner Mann, ein dünner Strick, ein großes Pferd." Das Ergebnis ist nicht nur ein wenig wenig; es ist ein verdorbenes Buch. Herta Müller hat ihre Leser abgespeist, nicht ernährt.

  • Herta Müller: Der Fuchs war damals schon der Jäger

Roman; Rowohlt Verlag, Reinbek 1992; 236 S., 36,– DM