Von Werner Schmalenbach

Seit sehr vielen Jahren nun schon bescheinigt man Emil Schumacher bei jeder passenden Gelegenheit eine unerhörte, nicht nachlassende Vitalität. Man meint damit ihn selbst, so wie er ist, aber vor allem natürlich seine Kunst. Keine Frage, die Jugend dieses nun auf einmal Achtzigjährigen ist phänomenal. Und in der Tat: Wichtiger, staunenswerter ist es, daß dies genauso für seine Malerei gilt.

Indessen kann man fragen, ob das, was man da rühmt, so rühmenswert wirklich ist. Gibt es nicht einen eigenen Rang, eine eigene Würde von Alterswerken? Hat man denn jemals die jugendliche Vitalität von Alterswerken etwa bei Rembrandt oder Goya oder Cézanne gepriesen? Ja, ist es nicht sogar so, daß diese Maler immer wundervoller wurden gerade mit dem Alter? Und dies möglicherweise nicht nur in ihrer Kunst, sondern auch in ihrem Leben?

Da scheint sich etwas geändert zu haben in unserer Welt, in der man der Jugend eine Chance gibt, die man dem Alter vorenthält. Woran kann das liegen? Vermutlich hat es, zumindest wenn wir auf die Kunst blicken, mit der Hochschätzung des innovativen Augenblicks zu tun, die man erst seit Beginn unseres Jahrhunderts kennt. Seit sich die Kunst von einer Generation zur nächsten, von einem Jahrzehnt zum anderen in immer neue Abenteuer stürzt und daran auch gemessen wird, fehlt ihr der Atem für ein natürliches Reifen und Altern. Nur mit wenigen Ausnahmen sind in unserem Jahrhundert Künstler mit Würde – ich meine: mit künstlerischer Würde – alt geworden. Salopp gesprochen: Alterswerke sind out!

Zu den Ausnahmen gehört Emil Schumacher, vielleicht auch deshalb, weil er durch die Nazis, die an die Macht kamen, als er gerade zwanzig war, um ein Jugendwerk betrogen wurde. Und so bewundern wir in seinen späten Werken gerade nicht den Altersstil, sondern die nach wie vor jugendliche Kraft. Eine Kraft, die ihn erst um 1960 auf die Höhe seiner Kunst brachte, als er die Fünfzig schon fast erreicht hatte und als die geschichtliche Stunde seiner Art zu malen, also die informelle Kunst, bereits vorüber war. Diese "Verspätung" belastete lange Zeit seinen Erfolg – kein Wunder, denn um 1960 bereitete sich schon die Wende zur Pop-art vor, und so lag seine Malerei gerade in dem Augenblick, als sie stark wurde wie nie zuvor, quer zu den neuen Entwicklungen. Vielleicht kommt ihm heute die neoexpressionistische Strömung entgegen, aber nicht einmal das ist gewiß. Sicher ist, daß man ihn endlich als einen bedeutenden Maler sieht, als einen Klassiker fast der deutschen Malerei dieser Zeit, der seine Bilder auch heute noch gegen den Strich bürstet.

Für Emil Schumacher war es immer wichtig, mit dem antiästhetischen Elan eine hohe ästhetische Verantwortlichkeit zu verbinden. Was immer er einem Bilde antut, es mündet doch alles schließlich in eine spezifische Schönheit. Selbst die heftigsten zerstörerischen Akte werden in das definitive Bild integriert. Er kann mit dem Hammer auf eine Holzfläche losgehen, er kann Eisenbleche oder Packpapier aufschlitzen, zerfetzen und zerknüllen, er kann seinen Malereien wüste Materialien einverleiben: Immer kommt es zur künstlerischen Lösung. Wahrscheinlich hat er bei allen Reizen, die kaputte Materialien auf ihn ausüben, doch ein fundamentales Harmoniebedürfnis. Was immer er an Kraft, an Spontaneität, sogar an Zorn investiert: Irgendwann setzt im Laufe des Tuns eine ästhetische Rettung dessen ein, was zunächst mit dem vollen Risiko der bildnerischen Attacke begann.

Das ist eine vor allem sinnliche Art zu malen und damit das Gegenteil eines konzeptuellen Kunstdenkens. Der fast physisch zu nennende Charakter der Bilder Schumachers ist, das ist kein Widerspruch, das Produkt geistiger Konzentration. Sieht man genau hin, dann begegnet man hier immer den Leiden eines Künstlers auf dem Weg zu seinem Bild, einer großen bildnerischen Leidenschaft. Man kann diese Kraft der Bilder von Emil Schumacher gerade in der Präsentation des neuen Bonner Kunstmuseums erfahren, wo ein wunderbares rotes Gemälde von ihm hängt, in Nachbarschaft vieler Bilder von Richter und Polke, die es durch seine vollkommen unprätentiöse, unintellektuelle Selbstverständlichkeit und seine große Präsenz konterkariert. Auch Anselm Kiefer hängt nicht weit entfernt. Gewiß, auch Schumacher ist ein sehr deutscher, vielleicht sogar sehr westfälischer Maler, aber nie wird das nationale oder heimatliche Thema direkt sichtbar. Er deklamiert nicht, was für ihn existentielle Selbstverständlichkeit ist.