Von Gunhild Freese

Wer Aktionäre ohne Dividende von der Hauptversammlung heimschickt, der muß ihnen, wird sich Springer-Chef Günter Wille gesagt haben, jedenfalls ein bißchen Hoffnung mit auf den Heimweg geben. Der Axel Springer Verlag, das versprach der Vorstandsvorsitzende den Anteilseignern denn auch in diesem Sommer, wolle in den nächsten Jahren verlorenes Terrain zurückerobern und neue Märkte erschließen.

Das erste Versprechen will Wille jetzt schon einlösen. An diesem Donnerstag schickte er ein neues Produkt seines Hauses ins Rennen: die Programmzeitschrift TVneu Im Format der Bild-Familienmitglieder Bild der Frau und Sport-Bild soll das neue Heft für den Springer Verlag wieder Boden gutmachen. Die Startauflage beträgt drei Millionen Exemplare, die zum Probierpreis von dreißig Pfennig ans Publikum gebracht werden sollen. Später wird das Heft neunzig Pfennig kosten – eine neue Niedrigpreisklasse am Markt für Programmzeitschriften

Ob das neue Springer-Blatt indes zum Wohle der leer ausgegangenen Aktionäre einmal schöne Gewinne abwirft, das kann weder Springer-Chef Wille noch gar sein Stellvertreter, der fürs Blattmachen zuständige Günter Prinz, versprechen. Denn es ist nicht gerade so, daß die bundesdeutsche Fernsehgemeinde dringend eines weiteren Übersichtsblattes bedürfte. TVneu stößt auf einen prall besetzten Markt, an dem alle heimischen Großverlage mitmischen. Schon jetzt werden Woche für Woche über zwanzig Millionen Exemplare verkauft – für 38 Millionen Mark. Hinzu kommen noch einmal über fünfzehn Millionen Programmheftchen, die den Tageszeitungen beigelegt sind. Rein rechnerisch findet sich somit mehr als ein Titel in jedem Haushalt. Programmübersichten findet der Leser auch in jeder Tageszeitung – ergänzt durch Hinweise und Inhaltsangaben. Und selbst Zeitschriften und Fachblätter weisen ihre Kunden auf bestimmte ausgewählte Sendungen im Fernsehen hin.

Für die dennoch ungebremst steigende Gesamtauflage der Programmtitel haben nicht einmal Marktkenner eine einleuchtende Erklärung parat. Und selbst sonst so beredte Verlagsmanager müssen passen. "Ein Phänomen" hat Springer-Mann Günter Prinz ausgemacht und rätselt ebenso wie die Konkurrenz. Vielleicht ist es einfach nur so, daß die Bundesbürger, die inzwischen bis zu dreißig verschiedene Sender empfangen können, geradezu händeringend nach Orientierung und Hilfe suchen, um Ordnung in die unübersichtliche Bilderflut zu bekommen.

Profitiert von diesem Phänomen haben die Verlage tüchtig. Neben Springer mit den Titeln Hörzu, Funk Uhr und Bildwoche sind der Hamburger Bauer Verlag, der Nürnberger Gong Verlag, Burda, Gruner + Jahr sowie die kleine Hamburger Verlagsgruppe Milchstraße im Geschäft. Gab es 1980 gerade sechs Titel mit einer Gesamtauflage von 13,3 Millionen verkauften Exemplaren, so brachten es vier Jahre später schon neun Titel auf fast 16 Millionen Stück. Und im ersten Quartal dieses Jahres wurden von nunmehr dreizehn Blättern fast 21 Millionen Hefte verkauft.

Der eigentliche Inhalt der Programmzeitschriften, die einmal mit, einmal ohne Hörfunküberblick erscheinen, ist identisch: das TV-Programm. Unterscheiden können sie sich lediglich durch den Umfang der Programmübersichten, die Darstellung der Programme, geordnet nach Uhrzeiten oder Inhalten, und den sogenannten Mantel, der Klatschgeschichten, aktuelle Reportagen, Rätsel und Romane enthält, aber auch Informationen zu einzelnen Sendungen umfassen kann. Im Preis schließlich spiegeln sich die kleinen Unterschiede. Diese Woche der Neuerscheinungen nutzten die Verlage zu einer Preisrunde: Die Blätter verteuerten sich um zehn Pfennig auf 1,50 beziehungsweise 2,20 Mark.