Von Ludwig Siegele

So sieht Deutschland aus: "Das gemeinschaftliche Interesse steht meist vor dem individuellen Interesse ... Das Unternehmen, die Stadt, die Vereinigung und die Gewerkschaften sind schützende und stabilisierende Faktoren ... Die Parteien sind mächtig und gut strukturiert ... Wenn man etwas überzeichnen wollte, könnte man sagen, die Armut ist durch das Bundessozialhilfegesetz verboten..."

Und so sieht es in Amerika aus: "Der Dualismus (ist) ... die ökonomische Apartheid in einer Gesellschaft, die endgültig und auf grausame Weise in zwei Geschwindigkeiten lebt ... kleine Elendsviertel in der Nähe prachtvoller Villen, Schlangen von Arbeitslosen auf den Bürgersteigen zwei Schritte von unverschämt teuren Luxusboutiquen ... Die berühmte middle class, die einst der Stolz Amerikas ... war, muß zusehen, wie ihre Zahl von Jahr zu Jahr abnimmt."

Zwei willkürlich gewählte Zitate. Aber sie bringen bestens auf den Punkt, was das neueste Buch von Michel Albert, dem Präsidenten des französischen Versicherungskonzerns Assurances générales de, France (AGF), auszeichnet. Zum einen stellt der schreibende Manager die Frage der Wirtschaftspolitik von Warschau bis Los Angeles in den nächsten Jahren: Welcher Kapitalismus soll es sein? Daher auch der Titel des Werkes:

Und zum anderen gibt Albert auf diese Frage Antworten in der Manier eines Computermonitors: viel Kontrast, wenig Graustufen.

Frankreichkundigen war Albert schon lange ein Begriff. Weil die staatliche AGF nach viel Hickhack seit kurzem eine Sperrminorität beim Versicherungskonzern Aachen und Münchener Beteiligungs-AG (AMB) hat, kennen ihn auch die Leser der Wirtschaftsseiten. Sein Buch dürfte den 62jährigen Versicherungsmanager jetzt auch einem größeren Publikum bekannt machen: Trotz aller Überzeichnungen ist es lesenswert.

Politikwissenschaften in Paris, Ecole nationale d’administration (ENA), inspection des finances – Albert genoß die klassische Ausbildung eines französischen Finanztechnokraten. Doch das Davor und das Danach ist ungewöhnlich: Sein Vater war Landarbeiter; seine Mutter verkaufte Gemüse. Aus Paris zog es ihn zunächst nach Marokko und später nach Brüssel. Erst 1982 machten die Sozialisten ihn zum AGF-Präsidenten, weil sie nach ihrem Wahlsieg neue Köpfe für die Staatsunternehmen brauchten.