Sodom und Manhattan – Seite 1

Es ist Krieg. Und obwohl die Zahl der Kriegführenden überschaubar scheint (in Worten: zwei), ist die Gefechtslage völlig verworren. Natürlich gibt es viel wichtigere, schrecklichere Kriege als diesen, den sich zwei New Yorker Filmkünstler liefern. Aber kaum einen, der uns so sentimental ergreift – denn was heute eine Vernichtungsschlacht ist, schien gestern noch ein Märchen zu sein. Woody Allen & Mia Farrow: Sie waren das innigste, komischste Kino-, Liebes- und Lebenspaar seit den Tagen von Laurel & Hardy.

Wie in jedem Krieg ist zwischen wahren Schreckensnachrichten und puren Greuelmärchen nicht mehr zu unterscheiden. Sicher ist wohl nur, daß sich Mr. Woody Allen in Frl. Soon-Yi, die schöne Adoptivtochter seiner schönen Lebensgefährtin, verliebt hat – und sie sich in ihn. So weit, so rührend, so fürchterlich. Der schmutzige Rest der Affäre (angebliche Unzucht mit Minderjährigen, angebliche Erpressung von Schweigegeld, Prügel mit dem Stuhlbein, pornographische Photographien u.v.a.) befindet sich derzeit noch im gnädigen Zwielicht von Schatten und Nebel.

Eine Katastrophe. Aber keine Überraschung. Denn das Glück und der Schrecken (ach! und weh!) sind Nachbarländer seit jeher – und der Künstler, insbesondere der komische Künstler, ist ein ruheloser Wanderer im verminten Grenzgebiet zwischen beiden.

Gewiß waren die Filme unseres Paares Romanzen – und ihr Leben, inmitten der biblischen Schar der Kinder und Adoptivkinder, war es erst recht. Woody Allen spielte darin immer das verschreckte Findelkind, Mia Farrow die Gute Fee und Heilige Mama.

Aber natürlich hauste auch in diesem Märchen der Horror. Woody Allen hat sich nie versteckt und nie geheuchelt – immer war zu sehen, daß in jedem romantischen Winzling ein erotomaner Wüstling steckt. Zotenreißer, Kinderschänder, praktizierender und bekennender Onanist. In Woody Allens komischen Filmen wurden Geliebte abgemurkst, und die Geilheit machte nicht einmal vor den Mitgliedern der eigenen Familie halt. Es ist also bloß passiert, was passieren mußte. Ein Komiker macht ernst. Er flüchtet aus Mias Wunderland, er hechtet aus dem siebten Himmel kopfüber hinab auf die schmutzige Erde, aufs Schlachtfeld der Liebe – denn nur dort findet er Stoff und Atem für neue Komödien.

Der Tragödiendichter mag gemächlich sein Dasein fristen – spazierengehen mit den Hunden, Karten spielen mit der Gemahlin, abends am Kamin im Euripides lesen. Der Komödiendichter aber muß hinein, hinunter ins grause Leben – und wenn es ihn das Leben kostet.

Man muß nicht, wie der Marquis de Sade, den Inzest für ein "weises Gesetz" halten, "das die Familienbande festigt". Man muß auch nicht behaupten, daß geniale Künstler zugunsten ihrer Kunst jede Schandtat begehen dürfen. Aber man möchte unserem geliebten, kriegführenden Paar wünschen, daß es seinen Krieg (in dem sich atridenhafte Wucht und spießigste Kleinherzigkeit absonderlich vermengen) bald schon als tolle Komödie sehen wird, als seinen verwegensten Film. Das Leben hilft der Kunst, wo es kann. Also könnte die Kunst auch mal dem Leben helfen.

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Im vielleicht schönsten der schönen Filme ("The Purple Rose of Cairo") stieg der Filmheld von der Leinwand hinab ins Kinoparkett, zur einsamen Mia Farrow. Die traurigen Helden des wirklichen Skandals von Manhattan sollten so schnell wie möglich den umgekehrten Weg gehen – hinaus aus dem Elend, hinauf auf die Leinwand.

Und dies etwa wäre das Finale des Films. Außen. Tag. Vor dem Gericht. Alle Gaffer verschwunden. Es beginnt heftig zu regnen, und ein Wind kommt auf. Durch die Schluchten Manhattans irrt ein sonderbares Menschenhäuflein, durchnäßt, zerzaust, aber einträchtig. Das sind Mr. Allen, Miss Farrow und ihre neun oder auch neunundneunzig Kinder. Benjamin Henrichs