Von Helmut Schödel

Acht Uhr morgens. Die Flut kommt. Das erste Bild der Bilderflut: das Bild im Spiegel. Es zeigt ein Gesicht, das überhaupt nicht lächelt. Der Mann, dem das Gesicht gehört, befindet sich in einer kritischen Situation. Er muß sich selber in die Augen schauen. Die erste Mutprobe des Tages findet im Bad statt. Vom Narzißmus zum Masochismus ist es vor dem Badezimmerspiegel nur ein Schritt. Bleiern hängen die Lider, zerfurcht ist die Stirn, zerwirbelt das fliehende Haupthaar. Ein Tag beginnt. Ein Gesicht schlägt zurück. Guten Morgen, Deutschland!

20.15 Uhr, Wohnzimmer. Das Gesicht kommt wieder. Es erscheint jetzt auf dem Bildschirm des Fernsehgeräts. Das rechte Augenlid: auf Halbmast. Das linke Auge, ein Fall von Basedow, tritt aus der Höhle und glotzt. Das Haupthaar des Mannes, dem das Gesicht gehört, befindet sich auf der Flucht, und seine Zunge stößt sich an den Zähnen. Die Artikulation des Gebeutelten hat etwas Spuckendes. Er lispelt. Sein Name ist Karl Dall. Er ist unser genialster Fernsehunterhalter.

Karl Dalls Gesicht: das Antlitz unserer Zeit. Postdekadent und kurz vor der Mutation. Es ist ein Gesicht, dem keine Klimakatastrophe, kein Ozonalarm und kein Giftmüllskandal noch etwas anhaben können. Es verkündet feixend immer nur das eine: Ratte lebt. Dall lächelt jetzt ins Wohnzimmer, betont debil. Er läßt sich gerne dabei beobachten, wie er die Nähe zum Publikum herstellt, und wirkt dabei auf eine verdrehte Weise charmant. Das ist der Charme 2000, die Liebenswürdigkeit der Monster.

Der Morgenmuffel mit der zerfurchten Stirn sitzt in seinem Fernsehsessel und sieht auf Tele 5 Dalls Anti-Game-Show "Die Koffer Hoffer". Es ist 20.30 Uhr. Er lächelt jetzt auch. Denn er schaut auf den Bildschirm wie in den Badezimmerspiegel. Spiegel-TV. Guten Abend, Deutschland!

Sonst erscheinen in den längst zahllosen Talk- und Spiel-Shows langweilig elegante Fassaden junger Männer auf dem Bildschirm, die alle aussehen, als hätten sie in Versandhauskatalogen für Unterwäsche geworben, bevor sie Showmaster wurden. Anders Karl Dall – der ideale Fernsehstar unserer Katastrophengesellschaft: Er ist nicht hübsch, sondern häßlich. Nicht humorvoll, sondern sarkastisch. Nicht höflich, sondern taktlos. Nicht jung, sondern alt. Er ist nicht einmal eitel, sondern bloß kokett, wie auch an diesem Abend. Der einäugige Dall präsentiert sich einer Kandidatin als der neue Humphrey Bogart: "Schau mir in das Auge, Kleines!" Katastrophal gut.

Eine Fernseh-Kultur gibt es nicht. Das lehrt uns Dall. Nicht Informationssendungen, Magazine und Reportagen bestimmen die Programme, sondern Plauderstündchen, Softpornos, Spielfilm-Leichen, Serien, Game-Shows, Ratespiele und immer häufiger Kontakthof-Veranstaltungen. Alles Junk, alles Schrott, alles Müll. Dalls Stichworte.