Von Wolfgang Zank

Höchst Ungewöhnliches hatten die Spitzen des dänischen Geldkonzerns Hafnia am Mittwoch voriger Woche zu vermelden. Aufsichtsratsvorsitzender Holger Lavesen und Vorstandschef Olaf Grue verkündeten auf einer Pressekonferenz den verdutzten Journalisten, der Hafnia-Konzern, Dänemarks zweitgrößter Versicherer, sei zahlungsunfähig. Dessen Kunden aber hätten keinen Schaden zu befürchten, die Einlagen seien völlig sicher. Des Rätsels Lösung: Sämtliche Aktiva des Konzerns, also diverse Versicherungsgesellschaften, die Hafnia-Bank sowie die Hafnia-Vermögensverwaltung, wurden einer neuen "Hafnia-Holding von 1992" überschrieben. Lediglich Schulden, immerhin 6 Milliarden Kronen (über 1,5 Milliarden Mark), blieben bei der alten Holding. Aber diese alte Hafnia ist zahlungsunfähig. Wer also so unvorsichtig war, dieser Holding Geld zu leihen, sieht einstweilen keine einzige Krone an Zinsen oder Tilgung.

Die deutsche Commerzbank, langjähriger Partner der Hafnia, gehört zu den Hauptgeschädigten. Experten schätzen, daß sie womöglich mehr als eine viertel Milliarde Mark verlieren könnte. Die Nachrichten aus Kopenhagen schickten denn auch sogleich den Kurs der Commerzbank-Aktie auf Talfahrt.

Hafnias Zahlungsunfähigkeit ist in jüngster Zeit nur eine von vielen Katastrophenmeldungen aus der nordeuropäischen Finanzsphäre. Viele Kreditinstitute und Versicherungen verbuchten gigantische Verluste, einige wurden praktisch verstaatlicht. Vor allem in Norwegen und Finnland ließ sich nur mittels massiver staatlicher Kapitalspritzen oder zumindest Bürgschaften der Kollaps großer Institute vermeiden. Und nun hat ss auch Dänemark erwischt.

Noch Anfang der achtziger Jahre ging es auf den nordischen Finanzmärkten recht beschaulich zu. Umsätze und Institute waren vergleichsweise klein, ausländische Konkurrenz war weitgehend ausgeschlossen. Untereinander behandelten sich die Banken und Versicherungen schonend. Den Preis dafür mußten die Kunden bezahlen. Sämtliche nordischen Länder gelten daher in Fachkreisen als overbanked. Am stärksten gilt das für Finnland; aber auch das im nordischen Vergleich relativ "schlanke" Dänemark baute sich einen Finanzsektor auf, der etwa denselben Umfang hat wie das Weltfinanzzentrum Schweiz.

Ab Mitte der achtziger Jahre jedoch gingen – zuerst in Dänemark, dann auch in den anderen Ländern – die Regierungen daran, die Grenzbarrieren für den Geldverkehr aufzuheben. Die Finanzinstitute gewannen so ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten, etwa im ausländischen Immobiliengeschäft, mußten sich aber auf ausländische Konkurrenz gefaßt machen.

Bald begannen die nordischen Immobilienpreise einen atemberaubenden Höhenflug. Es war kaum mehr ein Problem, sich im Ausland zu refinanzieren, und das neue Geld wurde oft in Grundstücken oder Gebäuden angelegt. Da die Preise immer weiter stiegen, war die Investition in eine Immobilie ein scheinbar bombensicheres Geschäft, so daß noch mehr auf Kredit gekauft wurde. Stockholm und Helsinki erlebten Preissteigerungen von bis zu vierzig Prozent jährlich. Doch 1990 platzte der Ballon, die Immobilienpreise sackten ab. Reihenweise wurden Finanzinstitute in die roten Zahlen gezogen.