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Von Freddie Röckenhaus

Bruno Knusts Theaterpuppe "Günna" hat es neulich, während der Fußball-Europameisterschaft in Schweden, dem Neu-Dortmunder Stefan Reuter vor laufenden Fernsehkameras beigebracht, welche dortmunddeutsche Vokabel die wichtigste sei. "Vietnam" nämlich. Berufsfußballer Reuter, gebürtiger Franke, erfuhr dann staunend, der erste Satz am Bahnhof müsse im ortsüblichen Idiom lauten: "Könn’ Se mir ma’ sagen, Vietnam Stadion geht?" (Antwortet der Dortmunder: "Jau!")

Knust ist Intendant und Hauptperson des Privattheaters "Olpketal". Und dort läuft die Revue "Hurra Dortmund!", ein ultraerfolgreiches, ständig aktualisiertes Gebräu aus Fußball, liebevoller Sozi-Verarsche und bierseligem Lokalpatriotismus. Womit alle Herzensanliegen des Dortmunders versammelt sind.

Um eine Karte für die Dortmund-Revue zu ergattern, ist Vorbestellung allerdings so unerläßlich wie für den Besuch des Stadions selbst – jedenfalls, wenn man dort einem Bundesligaspiel des Ballspielvereins Borussia zuschauen möchte. Und man sollte kein Wochenende in dieser Stadt verbringen, an dem nicht ein Heimspiel des BVB stattfindet. Was sollte man sonst auch hier?

Gerade wegen dieser immer wieder gestellten Kardinalfrage ist halb Dortmund auf eine Familie aus Norwegen stolz. Jedes Jahr im August berichtet die Westfälische Rundschau von diesen norwegischen Sonderlingen, die einen Gutteil ihres Sommerurlaubs in dieser Stadt verbringen. Nein, sie haben keine Verwandten hier, aber "das besondere Flair" ziehe sie immer wieder an.

Der Dortmunder liest so etwas gerne am Frühstückstisch, wiegt dabei jedoch schmunzelnd den Kopf, weil er seine Stadt zwar über alles liebt (nur Münchner und Bremer sind angeblich zufriedener mit ihrem Wohnort), sie in kluger Bescheidenheit jedoch für Deutschlands unspektakulärste Metropole hält. Irgendwie, so ist der Bürger dieser 615 000-Einwohner-Stadt fest überzeugt, hätten selbst Gemeinden wie Braunschweig, Osnabrück oder Kaiserslautern mehr Image und "mehr Altes" vorzuzeigen. Daß Dortmunds Süden von Landschaftsschutzgebieten nur so wimmelt, 53 Prozent der Stadtfläche vom Presseamt als Wald, Feld und Park gepriesen werden – wem nützt es? Wer ins Grüne will, fährt schließlich gleich ins Allgäu. Oder ins Sauerland.

Der Dortmunder aber, als unbeirrbarer Sozialdemokrat für höchstmögliche Gleichheit unter den Menschen, denkt viel über diese Ungerechtigkeit nach. 98,7 Prozent der Stahlstadt wurden im Zweiten Weltkrieg zerbombt und zerbröselt. Der Wiederaufbau war hastig und sieht immer noch so aus. Köln geht es ähnlich – aber die einzige Stadt, die der Dortmunder in ganz Nordrhein-Westfalen als echte Konkurrenz ansieht, hat den Dom, den Rhein und den WDR. Und doch hätten sie auch in Dortmund gerne viel mehr Gäste – wenn auch ohne den Rummel, den das mit sich bringt.

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Und obwohl Dortmunds 615 000 Einwohner es gern gemütlich haben und am liebsten in dörflichen Häusern entlang der Wittbräucke leben, der langen Höhenstraße im Süden, die rund 200 Meter über dem Innenstadtniveau liegt und romantische Blicke ins Ruhrtal, über Sauerland und Stadt bietet, so holen sie sich doch unablässig Großveranstaltungen ins Haus, um das vermeintliche Defizit an baulichen Altertümern und romantischen Gassen auszugleichen.

Ob Bundesgartenschau, Kirchentag, Deutsches Turnfest, Terrakotta-Ausstellung oder Daviscup, Dortmund veranstaltet, was das Zeug hält. Zähneknirschend hat Oberbürgermeister Günter Samtlebe ("Günna") die Olympia-Bewerbung des Ruhrreviers zugunsten von Berlin "zurückgestellt" – um bei den ersten Skandalen um Berlins Bewerbung laut zu krakeelen, daß man das in Dortmund viel besser gemacht hätte.

Eingedenk dieser Gemengelage aus Heimatliebe und Minderwertigkeitskomplexen sollte der Gast sich von der aufgeräumten, aber entschlossen reizlosen Architektur des Bahnhofsplatzes nicht abschrecken lassen. Wenn er erst einmal erfahren hat, "Vietnam Stadion geht", wird er die weite, helle Treppe ersteigen, die "in die Stadt" führt, wie man hier sagt.

Die aus dem 14. Jahrhundert stammende Petrikirche läßt er rechts liegen und taucht, nach links mitgerissen, in den Strom der Einkaufsbummler ein. Der Westenhellweg, auf dem der Wochenendgast nun mitgeschoben wird, ist Teil einer der ältesten Handelsstraßen Deutschlands (des Heilwegs, vom Baltikum bis nach Brabant). Der Dortmunder liebt den Hinweis auf solche Historizität, gerade weil von ihr so wenig zu sehen ist.

Dortmund wird also als Trotmanni schon 890 urkundlich als Stadt erwähnt, war bis 1804 eine der Handvoll "reichsunmittelbaren" deutschen Städte (quasi Stadtstaaten) und im Mittelalter eines der wichtigsten Hanse-Mitglieder.

In der schmalen, vibrierenden Konsumrinne des Westenhellwegs spürt man das alles nicht. Man biegt deshalb bei McDonald’s rechts ab und gelangt nach wenigen Metern zum Propsteihof, einem gotischen Dominikanerkloster nebst Kirche, wo es so aussieht, wie die Dortmunder sich ihre Stadt malen würden: still und schön alt.

Vom Propsteihof schlendert man zum Hansaplatz, einem der erstaunlich vielen weiten, offenen Plätze der Stadt. Hier wiederum wird der Dortmunder, wie nirgendwo sonst, schmerzhaft an verlorene Zeiten erinnert. Der Platz ist modern herausgeputzt, doch jede der vier Seiten repräsentiert eine andere Stilepoche. Der Verlust von Identität ist hier so sinnfällig wie sonst nirgendwo in der Stadt.

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Auf der Nordostecke des Platzes steht heute der geflieste Sechziger-Jahre-Bau der Westfälischen Landesbibliothek, wo eigentlich das "schönste Rathaus des deutschen Mittelalters" stehen sollte, das Lokalfanatiker am liebsten noch heute wieder aufbauen würden, fünfzig Jahre nach der Zerstörung. Geblieben ist eine Gedenktafel um die Ecke, am Alten Markt, und eine weitere, die an das Geburtshaus von Dortmunds berühmtestem Sohn, dem Lexikongründer F. A. Brockhaus erinnert.

Samstags (und mittwochs) beginnt hier, am Übergang vom Hansaplatz zum Alten Markt, der Wochenmarkt, der sich über den Reinoldi-Kirchplatz bis zum Klepping zieht und, was Buntheit und Größe angeht, Münchens Viktualienmarkt lässig Paroli bietet. Vom Ökogemüse bis zur lebenden Gans ist hier alles im Angebot. Zur Besichtigung bieten sich die Reinoldikirche und die gegenüberliegende, im 11. Jahrhundert erbaute Marienkirche an. Am Klepping (und der nördlich sich anschließenden Kuckelke) ist der Treff der Skateboarder und Flaneure, soweit es letztere Gattung in einer Stadt wie Dortmund geben kann, wo tagsüber am besten jeder arbeitet (zehn Prozent Arbeitslosenquote!) und erst am Abend seine zwei, drei "Pilsken" trinkt.

Das wiederum ist in der warmen Jahreszeit am schönsten im beliebtesten Biergarten der Stadt zu erledigen, der "Hövelpforte" am Hohen Wall. Die Thier-Brauerei, eine von sechs Großbrauereien, die Dortmund mit sechs Millionen Hektolitern zu Europas Bierstadt Nummer eins machen, liegt gleich nebenan, ebenso wie Schauspielhaus, Studiotheater und Opernhaus, dessen Muschelbau aus den sechziger Jahren fatal an ein Schwimmbad erinnert.

Den Abend verbringt man wahlweise in den Kneipen des Ostwall-Viertels (hier auch das erstaunlich empfehlenswerte Museum für Kunst des 20. Jahrhunderts) oder des Westends. Der Durchschnittsbesucher ist im Kneipenviertel am Ostwall gut aufgehoben, sofern er sich nicht von einem der jungen sauerländischen Manta- und Capri-Freaks platt fahren läßt, die regelmäßig Wettrennen auf dem sechsspurigen, baumgesäumten Wallring austragen.

Das eher studentische Publikum bevorzugt dagegen das Westend, zumal dort auch das Kabarett- und Kleinkunst-Theater "Fletch Bizzel" (Wilhelmstraße) zu Hause ist. Pop- und Rockkonzerte finden täglich im "Live Station" im Hauptbahnhof statt, Jazzkonzerte im traditionsreichen Kellerklub "Domizil" (Leopoldstraße).

Egal an welchem Ort der City man sich jedoch auch aufhalten mag, egal welcher Maler-, Töpfer-, Bücher-, Gourmet-, Floh- oder Weihnachtsmarkt auch gerade gefeiert wird: Stets strebt der Dortmunder, der sich trotz aller Dienstleistung doch immer noch in einer Industriestadt weiß, nach den grüneren Stadtteilen. Und wer den wahren Geist der Stadt erspüren will, sollte sie deshalb verlassen.

Für Spaziergänge sind zu empfehlen: der Rombergpark, ein botanischer Garten mit großem Öko-Feuchtgebiet, und der Westfalenpark mit der Hintergrundkulisse des Stahlwerks Phönix. Ein Aufstieg zur Aussichtsplattform des 220 Meter hohen Florianturms lohnt: Von dort kann man nach Einbruch der Dunkelheit besonders gut den von der glühenden Hochofenschlacke immer wieder rot erleuchteten Himmel bestaunen. Und dann wäre da noch der Tierpark, der, ähnlich wie Münchens Hellabrunn, ein richtiger Zoo ist, aber in einem Parkgelände liegt.

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Am liebsten aber spaziert man im waldreichen Stadtteil Syburg, wo zwischen Kaiser-Wilhelm-Denkmal, mittelalterlicher Burgruine, Golfplatz, Freilichtbühne, Hengsteysee (das Ruhrwasser ist von guter Schwimmqualität) und der wunderbar stillen Peterskirche (799 n. Chr.) auch das meistbesuchte Spielcasino der Republik steht: die Spielbank Hohensyburg (1,5 Millionen Besucher im Jahr).

Ebenso wie dieses Casino sorgt auch die Westfalenhalle (gleich beim Stadion und dem Westfalenpark) für eine stete Aufbesserung des kommunalen Etats. Und die Architektur der gigantischen Halle 1, der größten in Deutschland, hat eine so nostalgische Patina, daß sie auch das einzige wirkliche Muß des ganzen Dortmund-Wochenendes ist. Egal ob Pavarotti, Prince, Eisläufer, Springreiter oder Sechstagerenner sich darbieten: Die Halle selbst ist die Show.

Alles kann man sowieso nicht von Dortmund sehen. Vielleicht werden Dortmunder beim Pils auf den Gast einreden, daß eigentlich nicht soviel los sei in der Stadt. Außer Borussia und Bier. Man könne deshalb ruhig noch einen trinken. Und ob Sie übrigens wüßten, was das wichtigste Wort in Dortmund ist?