Von Henrik Bork

Beidaihe

Pekings Kader haben hitzefrei. In den Büros der Ministerien ist das Summen der Ventilatoren verstummt. Telephone läuten, niemand hebt ab. Das Regierungsviertel Zhongnanhai ist verwaist. Nur Mao ruht wie immer in seinem klimatisierten Mausoleum. Seine Nachfolger haben ihre Badehosen eingepackt und sind nach Beidaihe geflüchtet.

Wie jedes Jahr im Hochsommer wird die Volksrepublik auch in diesen Tagen von dem traditionellen Badeort der chinesischen Führung aus regiert. Hier, in der kühlen Meeresbrise der Bucht von Bohai, gibt Deng Xiaoping seine Audienzen. Mit Sonderzügen oder in Wagenkarawanen mit Polizeischutz bleibt ihm die Funktionärselite auf den Fersen. Wer immer im Politbüro, im Zentralkomitee oder in der Zentralen Militärkommission die Macht behalten will, muß im Sommer die 290 Kilometer von der Hauptstadt nach Beidaihe zurücklegen.

"Beidaihe ist wie ein schlechter Witz", sagt ein Pekinger Dissident. Gerade erst habe der Nationale Volkskongreß mit Hunderten von Abgeordneten getagt, demnächst beginne der 14. Parteikongreß, "aber die wichtigen Entscheidungen werden bei Seezunge und Tintenfisch in einem Badeort gefällt". Tatsächlich versuchen in diesen Wochen bei den üblichen Beidaihe-Geheimtreffen die Wirtschaftsreformer um Deng und seine orthodoxen Widersacher um Chen Yun, die letzten Streitfragen auszuräumen. Vor allem um die Besetzung wichtiger Regierungsämter wird in den Sommervillen noch einmal heftig gefeilscht. Auf dem Parteitag werden die Delegierten der Kommunistischen Partei dann die Ergebnisse erfahren und offiziell absegnen.

Schon Monate vor dem diesjährigen "Beidaihe-Gipfel" hatte Deng Xiaoping eine Offensive gestartet, um den Aufstieg reformorientierter Politiker aus dem ihm loyal ergebenen Parteiflügel noch im Sommer sicherzustellen. In der Pekinger Gerüchteküche ist fast täglich von neuen, "ganz sicher" bevorstehenden Personalwechseln zu hören. Doch weil Politik in China eben vor allem hinter verschlossenen Türen gemacht wird, bleiben den Beobachtern vorläufig nur Fragen: Stimmt es, daß die Gefolgsleute Dengs und die Fraktion Chen Yuns bereits einen Kompromiß ausgehandelt haben? Wird Vizepremier Tian Jiyun gemäß Dengs Wunsch in den mächtigen Ständigen Ausschuß des Politbüros aufrücken? Ist es wahr, daß Deng dafür der Beförderung des Chen Yun nahestehenden Li Tieying in das höchste Parteigremium zustimmen mußte? Verlieren dafür Song Ping und Yao Yilin ihre Politbüro-Sessel? Hat Zhu Rongji, der allseits respektierte Vizepremier, noch Hoffnungen auf die Nachfolge von Ministerpräsident Li Peng oder nicht? Sind nicht doch die Chancen Tian Jiyuns oder Zou Jiahuas größer?

Während die Parteiführer von den Hügeln Beidaihes aus das Reich der Mitte beherrschen, hält das Volk den kilometerlangen Sandstrand besetzt. "Mich interessiert nicht, wo unsere Politiker sich treffen, ich will mich hier nur erholen", sagt Zhang Li. Die 42jährige Buchhalterin kommt aus Daqing in der Provinz Heilongjiang, dem wichtigsten Zentrum der chinesischen Ölproduktion. Nach fünfzehn Jahren harter Arbeit im Ruß Daqings darf sie nun drei Wochen Seeluft schnuppern. Mit ihrer vierzehnjährigen Tochter wohnt sie im "Kurheim der Ölarbeiter", dem Ferienhaus ihrer danwei.