Von Theo Sommer

Die Strategie der Mächte gegenüber dem zerfallenden Jugoslawien birgt eine ernüchternde Lehre: Was in der Sphäre der Kabinettspolitik zählt, sind auch im Zeichen der Neuen Weltordnung Interessen, nicht Werte.

Saddam Hussein hat die Erdölreserven der Welt bedroht – dafür blüht ihm jetzt wegen seines Unterdrückungsfeldzuges gegen die Marsch-Araber Mesopotamiens eine neue westliche Luftwaffen-Intervention. Der großserbische Expansionist Milošević hat sich, nach dem Krieg gegen Slowenien und dem Einfall in Kroatien, zwei Drittel von Bosnien-Herzegowina zur Beute gemacht – aber im Karst gibt es kein Erdöl. Nur mühsam hat sich die Völkergemeinschaft dazu aufgerafft, den Menschen, die unter Artilleriebeschuß, im Bombenhagel und Heckenschützenfeuer auf Tod oder Vertreibung warten, wenigstens eine letzte Wegzehrung zu liefern.

Es war schon vorher schwer zu glauben, daß die Londoner Jugoslawien-Konferenz die Unentschiedenheit der Mächte beenden werde. Gesten – ja: Verschärfung des Embargos, Pochen auf einen wirklichen Waffenstillstand, danach Kontrolle der schweren Waffen, im übrigen eine höchst bescheidene militärische Absicherung der Hilfskonvois. Doch Taten, um das erklärte Ziel des Carrington-Planes vom November 1991 zu erreichen: Achtung der alten Republikgrenzen, im Gegenzug ein Schutzregime für alle Minderheiten? Sie liefen auf einen regelrechten Krieg mit Serbien hinaus. Den jedoch will niemand.

Die Londoner Konferenz stand von Anbeginn unter einem Unstern. Es bedurfte, um ihr eine düstere Prognose zu stellen, gar nicht weithergeholter Erinnerungen an die Balkan-Konferenz von 1912, als an der Themse schon einmal ein Friedensschluß in Südosteuropa mißglückte; auch nicht erst des abrupten Rücktritts des EG-Unterhändlers Lord Carrington von seinem Makler-Mandat. Es genügte, den Blick auf die Wirklichkeit zu richten.

Praktisch hat Serbien seinen Eroberungskrieg gewonnen. Die Serben kämpfen noch, wo ihnen die Muslime in belagerten Inseln weiterhin Widerstand leisten. Sie halten den Druck auf alle Nichtserben aufrecht, ihr angestammtes Land zu verlassen. Bosnien-Herzegowina gibt es nicht mehr. Ein Stück gehört schon zu Serbien, ein anderes zu Kroatien. Den Muslimen – von denen fast eine Million aus Haus und Heimat vertrieben worden sind – bleiben nur noch ein paar versprengte Siedlungsgebiete. Wie sollte da ein lebensfähiger muslimischer "Kanton" entstehen? Und was sollte wohl nach all dem Horror der letzten fünf Monate die Vertriebenen zur Rückkehr bewegen?

Es war eine merkwürdige Versammlung, die da in London zusammentrat. EG-Präsident und UN-Generalsekretär, zwölf EG-Mitglieder, dazu China, Rußland, Vereinigte Staaten (UN-Sicherheitsrat), Japan und Kanada (G-7), die in Auflösung begriffene Tschechoslowakei als KSZE-Vorsitzende, Indonesien als Vorsitzer der Blockfreien, ferner die Türkei, Saudi-Arabien und die Organisation Islamischer Staaten, schließlich alle Nachbarstaaten und alle Nachfolgestaaten Jugoslawiens – was sollte bei solchem Massenauftrieb schon herauskommen?