Von Reinhard Baumgart

Das Buch, kein Zweifel, ist monströs, eine Lockung, eine Zumutung. Und das nicht etwa nur, weil es der liebsten aller Einbildungen, der Liebe, auf den Leib rückt und sie enthüllt als ein in vielen Zungen redendes und trügendes Phantom (Liebe, so wird da einmal beiläufig und kühl definiert, ist nur das "Imaginäre und Rituelle der Sexualfunktion"). Nein, dieses Buch macht Kopf- und Herzzerbrechen schon durch den Eigensinn seiner Darstellungsweise: geistreich und belesen bis zum Aberwitz, eine Fundgrube, überfüllt mit Zitaten, Einsichten, Thesen, doch immer wieder auch eine Folterkammer, in der nämlich Zeugnisse und Zeugen aller Welten und Zeiten unter das Joch nur einer einzigen Theorie gezwungen werden, in die Daumenschrauben einer einzigen Befragungsmethode. Die fernen, fremden Texte schreien ja nicht unter dieser neugierigen Folter. Doch allzu gefällig offenbaren sie dann als ihr einziges und innerstes Geheimnis, was der sie verhörende Diskursanalytiker Manfred Schneider von ihnen ohnehin erwartet hat.

So hält das Buch seinen Leser in Spannung und wach, staunend und mißtrauisch. Wach auch in der Hoffnung, hier wäre etwas entstanden, was sich großen Vorgängern, Roland Barthes’ "Fragmente einer Sprache der Liebe", Niklas Luhmanns "Liebe als Passion" und Peter von Matts "Liebesverrat" als ebenbürtig erweisen könnte. Tatsächlich nimmt Schneider einen so enzyklopädischen Anlauf, als wollte er die Geheimnisse des "Liebesdiskurses" mindestens im abendländischen Kulturkreis ein für allemal erledigen – das Wort ist nicht zu stark.

Dabei geht es doch wirklich nur um Liebe als Diskurs, um das Verhältnis (oder genauer wohl: Unverhältnis) zwischen Liebe und Sprache. Denn, um Schillers berühmtes Diktum zu variieren, "wenn die Liebe spricht, spricht, ach, die Liebe nicht mehr". Das ahnten wir immer schon: "Sieh dir die Liebenden an, / wenn erst das Bekennen begann, / wie bald sie lügen" – so heißt diese Einsicht im wehen Rilke-Ton. Manfred Schneider aber, der ins Herz dieser Verirrung und Verfehlung, in diesen "Betrug" eindringen möchte, macht uns nun Zug um Zug, Kapitel um Kapitel klar, daß dieses Generalthema eine unabsehbare und letztlich auch unzähmbare Herde von Nebenthemen aufstört.

Wer "nur" vom Lieben und Reden, von den "Sprachen des Verlangens" reden möchte, der sollte, der muß mit Schneider auch räsonnieren über Schönheit und Ruhm, über Macht, Geist, Gott, über Verbrechen, Folter, Schlaf, Seefahrt, Rhetorik, Stottern, Statistik, Heilige, Wahnsinn, Utopien, Hysterie, Engel, Hunde, Soldaten, Amokläufer, Komödianten – kurz: der gerät, sorgfältig geleitet und verwirrt vom Autor, in jenes Chaos der Beziehungen, das wir mit dem stillen, hilflosen Begriff "Kultur" nur vage zur Ordnung rufen und das nun hier mit allen spätstrukturalistischen Finessen dekonstruiert wird.

Entsprechend liest sich schon das Inhaltsverzeichnis: universal, doch in seinem Bemühen um eine einleuchtende und auch terminologisch witzige Gliederung nicht unverkrampft. Schneider verfolgt zwar seine Fragen durch unzählige Traditionsstränge, von Platon bis Derrida, von Odysseus bis Erica Jong oder Kinsey und Masters, von den Kirchenvätern über Trivialromane bis zu Linguisten, Evolutionstheoremen, Kriminologen neuesten Schlages, doch er wollte seine Stoff- und Argumentationsmassen beileibe nicht in eine biedere Chronologie noch in eine zwanghafte Systematik hineinopfern. Das hätte auch unweigerlich erstickt, was dieser Autor am blendendsten kann und will: Probleme pointiert erzählen, Assoziationen schweifen lassen, Beziehungssprünge über Kultur- und Epochengrenzen wagen.

So vollzieht das Buch, immer wieder von vorn, irgendwo zwischen Platon und Jahwe ansetzend, jenen Kreislauf einer Wiederkehr des Gleichen, des immer neuen Ringens mit den immer schon alten Fragen, jenes "Recycling", das für Schneider offenbar das Bewegungsprinzip eines Kulturverschleißes zur Kulturerneuerung ist. Von "Platon-Recycling" ist unaufhörlich die Rede, aber etwa auch vom "Recycling des Verkündigungsglücks". Andere Lieblingsbegriffe (genaugenommen eben doch nur: modisch schicke Metaphern), die einen unendlichen Stoff appetitlich parzellieren und aufbereiten sollen, sind nachrichtentechnisch: Sender, Empfänger, Kanal.

"Im Anfang war der Kanal" – der Satz steht unscheinbar, wie ein Zufallskalauer, mitten im Text. Aber er ist zentral und natürlich gemeint als Parodie auf den Anfang des Johannes-Evangeliums. Nicht das "Wort", wie Luther übersetzt, nicht die "Tat", wie Faust trotzig dagegensetzen möchte, soll am Anfang der Schöpfung stehen. Denn medientheoretisch formuliert, heißt das Problem nun: Gott möchte auf Sendung gehen. Seine Nachrichten brauchen also erstens einen Kanal, dann müssen zweitens die richtigen Empfänger richtig programmiert werden.

Nach diesem Modell aber läßt Manfred Schneider nicht nur die Einrichtung eines "Geistkanals" zwischen Himmel und Erde, sondern stillschweigend (beziehungsweise redselig) auch die Gründung jeder Liebe funktionieren. Sie will ja reden, braucht und verbraucht Worte, sucht Kommunikation, möglichst jenseits aller Formeln, Phrasen, Konventionen, so vergeblich und trügerisch das sein mag – sie muß sich also als ein Nachrichtensystem begreifen lassen. An dessen Anfang steht dabei immer, wie Schneider mit Zeugnissen aus allen Himmelsrichtungen und Zeiten schön belegt, die "Stockung", das Stottern, Erröten, Erbleichen, das Sprachversagen und Flackern der Sendung, die prompt als untrügliches Zeichen "echten" Verlangens gelten. Am Ende, wenn das Verlangen sich stillt, ist dann nur noch das "Zwitschern des Fleisches" zu hören, mit Injektionen, Gottesanrufungen, Lautjubel, eine Sprache diesseits der Sprache.

Doch auf den weiten Strecken zwischen gestotterter Ouvertüre und Zwitscherfinale wird die Sprache der Liebe eben doch redselig und belastet sich mit dem Schwerstgewicht aller Semantik: Gerade sie, ausgerechnet, soll laut Platon und Paulus und allen ihren christlichen oder romantischen oder ontologischen Erben nichts Geringeres als Wahrheit künden. "Warum muß die Wahrheit auf der Liebe reiten und warum die Liebe auf der Wahrheit" – über die Zähigkeit dieses inniglichen Wunsches und sein Immer-wieder-Auftauchen hört Schneider nicht auf zu staunen.

Für ihn sind truglose Herzenssprachen so etwas wie heiliger Quatsch. Um so erstaunlicher die unstillbare, unenttäuschbare Sehnsucht nach ihnen, der immer aufbegehrende Kampf eines neuen Wahren gegen Rhetorik und Sophistik, von Sokrates über Paulus, Augustinus, Luther zu Rousseau, Goethe, Hegel, Heidegger, Rilke, Handke: "Das Recycling der Theorien und Sprachen der Liebe / Wahrheit dauert bis zum jüngsten Tag".

Humor und Erbitterung, zwei für Schneider nicht eben typische Reaktionsweisen, glaubt man an solchen Stellen durch den Text schimmern zu sehen. Die Welt, nicht nur der Liebenden, sondern erst recht ihrer inbrünstigen Theoretiker, ist leider wesentlich dümmer als der hier schreibende Autor. Er nämlich gehört zu jener, von der Wahrheit-durch-Liebe-Fraktion herausgeforderten sprachskeptischen Opposition, deren Schulen des Zweifels und der Subversion sich auch (was Schneider geflissentlich übersieht) in zähen "Recyclings" immer wieder regeneriert haben, von den Sophisten Athens über die mittelalterlichen Nominalisten bis zu den diskursanalytischen Gurus, deren (zumeist französische) Duftmarken sich als einzige kontinuierliche Spur durch das hakenschlagende Buch ziehen. Im Zweifelsfalle nämlich ist nicht nur die Sprache der Liebe ein Trug, sondern alles Reden, das an seine Inhalte und Aussagen glauben möchte, statt sich gefälligst aufgeklärt zu begreifen als ein freies Spiel der Zeichen.

Im Banne solcher Überzeugungen hat Schneider sein Buch entworfen und energisch durchgeschrieben, als Parteigänger also, allem gelehrten und wertneutralen Anschein zum Trotz. Er glaubt, schlicht gesagt, an den Betrug und der Liebe kein Wort, weil er schon den Worten kaum ihre Bedeutungen zutraut, weil sein Glaubensbekenntnis sich an anderen Leitsätzen orientiert: Am Anfang ist der Kanal, das Medium folglich die Botschaft, der Nachrichtenweg die Nachricht, der Signifikant das Bedeutsame, so daß einzig die Lügner ehrlich bleiben.

Es dauert eine gute Weile, bis man entdeckt, daß der Autor seinen ungeheuerlichen Zettelkasten tatsächlich auf diese immer ähnlichen Befunde hin inszeniert, und es bleibt eindrucksvoll, wie unerschöpflich variant er sie formuliert, wie neugierig und auch spannend er seine immer gleichen Entzauberungen durchführt. Man muß nachlesen, wie und warum sich Tristans und Isoldes Geschichte schließlich als "Epos der nominalistischen Sprache" oder "Romeo und Julia" sich als "Tragödie des gestauten Informationsflusses" begreifen lassen – auch wenn solche Lesarten zunächst mit reichlich Pfauenfedern gespickt erscheinen. Man darf aufhorchen, wenn der so oft snobistisch flirrende Brillanzton des Buches sich angesichts von de Sade auflöst und in einem Tonwechsel auf (fast) Pathos der Prospekt einer dem Todestrieb überantworteten Welt entrollt wird. Man schrickt wieder zusammen, wenn auch Autoren wie Keats oder Kafka zu bloßen Belegstellenlieferanten für irgend etwas schon im voraus Gewußtes schrumpfen, für ein neues "Platon-Recycling". Und ist dann wieder getröstet, wenn die pedantisch "glückliche", liebe leere Verswelt des Hölderlinschen Wahnsinns sich doch zu mehr entfaltet als einer weiteren Fallstudie.

Daß man sich mit solchen Reaktionen aus der Sicht des Autors sicher unter jene Einfalts- und Betroffenheitspinsel einreiht, an denen er die "unbeirrbare Torheit der Humanwissenschaftler aller Branchen" erkennt, das muß und kann verschmerzt werden. Der Oppositionskurs, den das Buch gegen ein in Liebeserörterungen sonst übliches und allzu handliches Betroffenheitspathos hält, ist aller Ehren wert. So herzlos, so unbegeistert und dabei doch fasziniert ist selten über Herzensdinge und Herzenssprachen geschrieben worden. Manfred Schneiders Darstellung neigt zu einem anderen und auf Dauer auch enervierenden Ausdrucksstereotyp: dem kichernden Amüsement. In das muß sich wohl retten, wer zusieht, wie da ein Liebes-, Glaubens-, Wahrheitssystem nach dem anderen sich durchspielt, verspielt, verrät, zerfällt. Um immer wieder neu wiederaufzuerstehen, wieder loszustottern, zu dozieren, zu strahlen und zu blenden. Eine unendliche Komödie, zu der keine Katastrophe und kein Happy-End den Schlußpunkt setzt.

Entsprechend trauerlos und erschöpft, gut ausgenüchtert, von vielen falschen Begeisterungen erlöst, gesäubert, erreichen wir die Schlußgerade dieses abendländischen Marathonlaufes. Was uns Peter von Matt (der in Schneiders unendlicher Literaturliste nicht auftaucht!) unter den Stichworten Liebe und Verrat eben noch als die tragische Verfassung unserer Illusionen erklärt hat, das hat sich hier als Liebe durch Betrug verwandelt in eine heillose Schwindelaffäre. Wer in der nicht mitspielen, mitbetrügen möchte, der müßte radikal aussteigen, wie Schneider an mehr als einer Stelle drohend klarmacht, der müßte nämlich mit jeder normalen und immer trügerischen Sprache und Kommunikation brechen, also ein Amokläufer werden oder sich als Heiliger oder im Wahnsinn isolieren.

Das sind Stellen – und sie häufen sich gegen Ende – an denen der Autor die Allüre der amüsierten Zuschauerschaft aufgibt und unüberhörbar mit seinen Meinungen auf uns einredet, dringend und ungeschützt, ein Zeitgenosse wie du und ich. So daß es nun nur noch darauf ankommt, ob wir mit seinen Meinungen, diesen sorgfältig und immer noch geistreich begründeten zeitgenössischen Vorurteilen übereinstimmen oder nicht.

Ich zum Beispiel lese eher skeptisch, wenn Schneider der lärmüberfluteten, folglich sprachlosen, also truglosen Disco-Welt trotzig den Heiligenschein eines erotischen Paradieses zuerkennt, in bemerkenswert gravitätischem Gutachterstil konstatierend: "die Befreiung vom Diskurs bei der wechselseitigen Kontaktierung der Geschlechtskörper". Dagegen gerate ich in ein abwägendes, letztlich zustimmendes Kopfnicken, wenn ich zuhören darf, wie kurz darauf die aktuellste, die radikal feministische Utopie einer Befreiung aus Liebe, Lug und Trug abgefertigt wird als wahrhaft lebensgefährliche Illusion, die mit der Abschaffung der Geschlechter, ja aller Differenz die Evolution selbst stillegen, liquidieren möchte.

So weit, so gut und immer noch anregend, spannend. Doch: Wer andern eine Fundgrube gräbt, fällt selbst hinein. Denn am Ende hat sich Manfred Schneider noch zu einem Schlußstatement hinreißen lassen, und das klingt so bieder, so patent in seiner Proklamation von "Lebenskunst", von "Spiel im Alltag", daß man doch nachdenklich zurückblickt auf die hier inszenierte Totalkomödie, diesen gigantischen, kaleidoskopischen Scherbenhaufen aus Liebe und Betrug, der Gott samt allen seinen Engeln, Aposteln, Heiligen, der Sokrates und Alkibiades, Abälard und Heloîse und schließlich noch Kafka mit Felice Bauer unter sich begraben hat.

Von Adam und Eva, ja buchstäblich vom ersten Schöpfungstag an sind wir auf fast einem halben Tausend Seiten diese Exkursion mitgepilgert, und nun läßt uns der Autor stehen, postmodern, ohne Dach überm Kopf, und segnet uns noch flüchtig ab mit lässig heiter abgebrühten Trostsprüchen, die sich auf einerseits Foucault und andererseits Ulrich Beck (!) berufen und folglich klingen wie Nietzsche als Krisenmanagement-Berater.

  • Manfred Schneider:

Liebe und Betrug. Die Sprachen des Verlangens

Carl Hanser Verlag, München 1992, 500 S; 68,– DM