Der Kaderschmied zu Wien

Von Peter Pelinka

Krysztof Michalski ist ein dynamischer Mensch. Während wir reden, über die Lage in seiner Heimat Polen, über Gott und die Welt, gerät er so sehr in Feuer, daß er Stück um Stück von seiner weißen Ledercouch rutscht. Als eher introvertiert und "extrem vorsichtig" hatte ein Freund und Mitarbeiter den Chef des renommierten Wiener Instituts für die Wissenschaft vom Menschen zuvor beschrieben. Davon ist nichts zu merken.

Zu merken ist auch nichts von der Last der Organisationsarbeit, die Krysztof Michalski in diesen Tagen drückt. Kurzfristig mußte "Castelgandolfo", das traditionelle Sommertreffen des Instituts am Sommersitz des Papstes – Thema diesmal: die Expansion der liberalen Gesellschaft –, wegen der Erkrankung Johannes Pauls II. an den Hauptsitz nach Wien dirigiert werden.

Michalski, Leiter und geistiger Vater des Instituts, das kürzlich zehn Jahre alt wurde, beschreibt sich selbst als einen "unabhängigen Intellektuellen". Der Philosoph, geboren 1948 als Sohn einer Ärztin und eines Arztes, die sich im Warschauer Untergrund kennengelernt hatten, war in den siebziger Jahren Assistent an der Warschauer Universität, alles andere als ein Anhänger des kommunistischen Establishments – "Die antisemitischen Exzesse 1968 haben mich schockiert" –, trotz deklarierter Gegnerschaft zum Regime und trotz seiner Freundschaft zu Dissidenten wie Adam Michnik und Jacek Kurón aber auch kein Aktivist der Gegenseite.

Der Vater starb bereits 1951, Krysztof wuchs bei der Mutter auf. Die war sehr enttäuscht, als sich der Sohn weder dem erwünschten Medizinstudium zuwandte noch dem früheren Hobby, der Physik und Mathematik. Nein, Theaterregisseur wollte er werden, und dazu schien ihm die Philosophie das näherliegende Studium. Es wurde bald mehr daraus.

Von Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn an war sein Blick nach Westen, vor allem nach Deutschland gerichtet. Michalski schrieb seine Dissertation über Martin Heidegger ("Auch so ein Umweg: Eigentlich hat mich anfangs nur Kant interessiert, dann bin ich auf Heideggers Kant-Abhandlung gestoßen"), die Habilitationsschrift 1986 beschäftigte sich mit Edmund Husserl. Schon in den siebziger Jahren hatte ihn das Studium mit einem anderen polnischen Philosophen bekannt gemacht – Karel Wojtyla. Der Kardinal und der Dozent gingen philosophierend des öfteren gemeinsam zum Mittagstisch.

Im Spätsommer 1980 lud Karel Wojtyla, nunmehr Papst Johannes Paul II., den Studienkollegen zusammen mit beider Freund Jozef Tischner, dem geistlichen Berater der Solidarność, zu einem Besuch in seine Sommerresidenz Castelgandolfo. Sie diskutierten angesichts der Streikbilder von der Danziger Werft die Zukunft des polnischen und osteuropäischen Geisteslebens, und am Ende stand der päpstliche Segen für ein ehrgeiziges Projekt: die Gründung einer wissenschaftlichen Institution, eines "Institute for Advanced Study" zum kontinuierlichen Gedankenaustausch zwischen Ost und West. Michalski: "Wir hatten schon bei früheren Gelegenheiten und Begegnungen von Wissenschaftern aus Ost und West die Erfahrung gemacht, daß dieser Kontinent nicht nur politisch tief gespalten war, sondern auch geistig. Wir wollten etwas dagegen tun."

Der Kaderschmied zu Wien

Wien, die Hauptstadt eines neutralen Nicht-Nato-Landes, schien der rechte Platz für das Projekt. 1982 wurde das Institut gegründet, mit Hilfe deutscher (Bosch, Volkswagen, Thyssen), später auch amerikanischer (Ford, Rockefeller) Stiftungen. Der Vatikan gab, entgegen allen das Image des Instituts lange Zeit belastenden "Verdächtigungen", kein Geld. Michalski: "In Springer-Zeitungen wurde ich auch als KGB-Agent gehandelt, sonst eher als Mann der CIA, des Vatikans oder der Freimaurer." Früher haben ihn solche Verschwörungstheorien geärgert, heute sieht er das gelassen: "Manche Leute brauchen das; sie sind im Freund-Feind-Denken erzogen."

Dem Freund-Feind-Denken hat Michalski, auf volle Unabhängigkeit achtend, sich stets entzogen. "Ich wollte von Beginn an das Institut nicht auf dem Ost-West-Konflikt aufbauen, deshalb hat seine Bedeutung auch nach 1989 nicht ab-, sondern zugenommen." Er legt Wert darauf, daß sowohl die "permanent fellows" als auch die "visiting fellows" (mit Stipendien für in der Regel sechs Monate) und auch die bislang etwa 2000 Gäste des Instituts bei Konferenzen, Symposien und Vorträgen stets ausschließlich nach intellektuellen, nie nach weltanschaulichen oder parteipolitischen Gesichtspunkten ausgewählt worden seien.

Der entscheidende Faktor bei alledem ist freilich die Person Krysztof Michalski. Das sagt er nicht selber, das sagt Lonnie Johnson, amerikanischer Sozialwissenschaftler und derzeit einer der "permanent fellows". Er rühmt an Michalski die "Überzeugungskraft, seine Konsequenz, seine Unbestechlichkeit", Eigenschaften, die Michalski auch den Weg geebnet haben zu Männern wie Richard von Weizsäcker oder auch zu George Soros, der als Privatfinanzier heute in allen osteuropäischen Ländern seine Karl Poppers Vorstellungen nachempfundenen "open Society funds" etabliert hat.

In der Liste der Stipendiaten des Instituts finden sich neben den Namen heute führender Wissenschaftler, Politiker und Publizisten vor allem aus Polen, der ČSFR und Ungarn auch die der einstigen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki und Jan Carnogursky. Gäste des Instituts in Wien waren Staatspräsident Lech Walesa, der ehemalige Carter-Berater Zbigniew Brzezinski, der frühere Gorbatschow-Vertraute Juri Afanasiew, Wirtschaftsexperte Jeffrey Sachs ebenso wie der "neue Philosoph" Jacques Derrida. Zur jüngsten Tagung in Wien kamen unter anderen Ralf Dahrendorf, Bronislaw Geremek, Michalskis Lehrer Leszek Kolakowski, der aus Wien gebürtige britische Verleger Lord Weidenfeld und der amerikanische Historiker Fritz Stern. Noch drei für ihn besonders wichtige Helfer nennt Michalski: drei deutsche Freunde der ersten Stunden, Carl Friedrich von Weizsäcker und die Philosophen Cornelia Klinger und Klaus Nellen.

Die meisten aus diesem Kreis treffen sich seit 1980 alle zwei Jahre auf Einladung des Papstes – Michalski: "Aber das Institut trägt alle Kosten" – zu den Castelgandolfo-Gesprächen. Deren Ergebnisse publiziert der Klett-Cotta-Verlag (zuletzt: "Europe and the civil society"). Seit 1991 gibt das Institut die Zeitschrift Transit – Europäische Revue heraus. Zum zehnten Jahrestag referierte vor kurzem Ralf Dahrendorf in Wien über das "Neue Europa" vor Bundes- und Vizekanzler, danach kamen auf Einladung des Instituts die einschlägigen Minister aus Ungarn, der ČSFR und Polen zu einer EG-unterstützten Konferenz über eine einheitliche Neuordnung der nationalen Ausbildungssysteme.

Trotz der meist hochkarätigen Zusammensetzung ist das Klima der Begegnungen offen, ohne die sonst üblichen hinderlichen diplomatischen oder akademischen Rituale. Auch dafür steht die Person Michalski: zurückhaltend, nie in den Vordergrund sich drängend, bescheiden – gemessen an dem, was das Institut in den vergangenen zehn Jahren bewirkt hat. Dem Begriff "Kaderschmiede", der dem Institut gelegentlich freundlich zugedacht wird, mag Michalski denn auch nur "unter Anführungszeichen" zustimmen: "Wir sind keine politische Institution."

Vorsichtig äußert er sich auch zur Frage nach der Bilanz dieser zehn Jahre: "Sicherlich war der Umbruch von 1989 eine großartige Sache. Aber jetzt stehen neue Probleme an." Probleme, die er am Beispiel seines Heimatlandes Polen benennt: "Ökonomisch gibt es da einige Fortschritte, vor allem in der Privatwirtschaft. Aber der Staat und die von ihm getragenen und die ihn tragenden Institutionen zerbröseln völlig." Was not tue, sei der Aufbau einer bürgerlichen Gesellschaft. Sein Institut – mit einem Budget von inzwischen etwa sechs Millionen Mark jährlich – wolle einen intellektuellen Beitrag dazu leisten.

Der Kaderschmied zu Wien

Der Chef selbst gönnt sich keine Ruhe. Er verlange von sich dasselbe wie von seinen Mitarbeitern, charakterisiert einer von ihnen seine Arbeitslust. Und: "Die Kraft zu dieser Arbeit schöpft er aus der Arbeit, fast nichts sonst macht ihm Spaß." Krysztof Michalski sagt von sich, er verfüge über "preußische Disziplin" und "polnische Begeisterungsfähigkeit". Sein Motto: "Was man als sinnvoll erkannt hat, soll man konsequent tun, und dieses Institut ist sinnvoll."

Bei aller Umtriebigkeit und Arbeitswut verbreitet dieser Workaholic Charme, blitzt Witz durch seine Argumentation, zuweilen auch Selbstironie. Die meiste Zeit des Jahres ist er in Wien, das er persönlich wie institutionell nach wie vor sehr schätzt: "Die österreichische Neutralität mag heute vielleicht nur mehr aus innenpolitischen Gründen wichtig sein, aber aus nationaler Perspektive ist der Standort weiter von besonderer Bedeutung. Wien ist eben weder tschechisch noch slowakisch, noch polnisch, noch ungarisch. Nicht einmal deutsch." In Wien leben auch Krysztof Michalskis polnische Ehefrau und seine beiden neun und zwölf Jahre alten Töchter.

Immer wieder fährt er nach Polen, und drei Monate in jedem Herbst ist er neuerdings in Boston, wo er an der Universität eine Philosophieprofessur hat, "dazwischen" auf jeder Menge Besprechungen, Symposien, Konferenzen in aller Welt.

Wie fühlt sich ein solcher Kosmopolit, als was definiert er sich?

"Als Pole", sagt er, "das kann man nicht verlieren, das ist wie eine unheilbare Krankheit." Sagt es, lächelt und ist, inzwischen gänzlich von der Couch runter, in den Türkensitz übergegangen.