Von Elisabeth Wehrmann

Alle lieben Gerhard", hieß der Aufmacher der Studentenzeitung, die auf dem Campus der Stanford-Universität verteilt wurde, als feststand: Gerhard Casper wird ihr neunter Präsident. Der schmale, 54 Jahre alte Jurist mit den silbergrauen Haaren, dem jugendlichen Charme und dem komischen Akzent war einer von 667 Wissenschaftlern auf der Liste des Auswahlkomitees. Er wurde im März 1992 einstimmig gewählt und berufen, um die Legende unter den amerikanischen Hochschulen aus einer Serie von Skandalen, finanziellen Problemen und kulturellen Kontroversen zu retten und in eine neue Ära zu führen. "Eine ausgewogene Persönlichkeit, besonnen, rücksichtsvoll und dabei peinlich genau, die ideale Medizin für Stanfords Leiden", schwärmte die New York Times. Denn daß der Mann, der 26 Jahre lang als Professor, Dekan und Provost die Geschicke der Universität Chicago mitbestimmte, kein leichtes Erbe übernimmt, darüber sind sich alle einig.

An der privaten Hochschule auf der Halbinsel zwischen dem Pazifischen Ozean und der San Francisco Bay gibt es 13 549 Studenten; 44 Prozent der Erstsemester gehören ethnischen Minderheiten an. Neun Nobelpreisträger und ein früherer Außenminister (George Shultz) zählen zur Fakultät. Im Herbst 1991 hofften 13 500 Bewerber auf einen Studienplatz, 2500 wurden angenommen. Die Studiengebühren, Unterkunft und Verpflegung eingeschlossen, liegen bei 21261 Dollar pro Jahr.

In den achtziger Jahren war es Stanford, das mit dem Protest gegen die Vorherrschaft der eurozentrischen Kultur den "Sturm an den Universitäten" auslöste. Während konservative Professoren noch über die "intellektuelle Korruption" der Studenten und Kollegen wetterten, die es wagten, die traditionellen Leselisten voller toter weißer Männer mit Werken von Frauen und Farbigen aufzulockern, nahte schon der nächste Eklat. Staatliche Kontrolleure stellten fest, daß ein beträchtlicher Teil von 300 Millionen Dollar Forschungsgeldern recht unakademischen Zwecken gedient hatten, wie zum Beispiel dem Unterhalt der präsidialen Yacht. Caspers Vorgänger, Donald Kennedy, zog die Konsequenzen und kündigte im Sommer 1991 kurz vor den großen Feiern zum hundertsten Geburtstag der kalifornischen Hochschule nach elfjähriger Amtszeit seinen Rücktritt an.

Der neue Mann soll’s richten. Gerhard Casper, von dem man in Chicago sagt, er könne wie Jesus übers Wasser wandeln, sieht den Hoffnungen und Erwartungen mit Humor und Gelassenheit entgegen. Der tiefere Grund für seine Wahl liege wohl darin, spekulierte er, daß er der erste Kandidat sei, der das deutsche Motto der Universität richtig aussprechen könne: "Die Luft der Freiheit weht!" – eine Zeile aus einem Gedicht Ulrich von Huttens und für jeden Amerikaner ein Zungenbrecher.

Hält Gerhard Casper sich selbst für den richtigen Mann? "Ja, sehen Sie", sagt der neue Präsident, "ich weiß es auch noch nicht, the proof of the pudding is in the eating."

Der 1937 geborene Sohn eines Hamburger Kaufmanns, war gerade sieben, als das "Dritte Reich" und der Krieg zu Ende gingen. "Es war keine leichte Zeit, ein Deutscher zu sein", erklärte er den Studenten von Chicago 1990, "ich wurde in der Nachkriegszeit erzogen; in der Generation unserer Eltern gab es kaum Vorbilder. Die Greueltaten der Nazis zwangen uns, darüber nachzudenken, warum und wie die Deutschen versagt hatten." Sein Vorbild wurde eine Frau, die nicht versagt hatte: Erna Stahl, seine Deutsch- und Geschichtslehrerin, die sich nach 1933 nicht hatte gleichschalten lassen und 1945 aus dem KZ Dachau befreit wurde. "Erna Stahl hatte vor dem Krieg in der Lichtwarkschule auch schon Helmut Schmidt unterrichtet. Sie hat uns gezeigt, wie das Prinzip der Gleichheit in der Praxis aussieht; alle Schüler, gleich welcher Begabung, wurden gleichermaßen geachtet und gefördert", sagt Casper, "dafür bin ich immer noch dankbar."