Als Philipp Jenninger vor fast vier Jahren in einer Rede zum fünfzigsten Jahrestag der „Kristallnacht“ vom Nationalsozialismus als einem „Faszinosum“ sprach, löste er damit einen Eklat aus, dessen erstes Opfer er selbst wurde. Der damalige Präsident des Bundestages wurde einer Räson geopfert, die lieber von den Leiden der Opfer als den Gelüsten der Täter spricht. Dabei hatte Jenninger recht mit seiner Feststellung. Das Dritte Reich ist und bleibt ein Faszinosum – nicht nur für die Unbelehrbaren und Ewiggestrigen.

An der Universität der Bundeswehr in München wird seit einigen Monaten eine Auseinandersetzung über die Frage geführt, ob das öffentliche Vorlesen von Hitlers „Mein Kampf“ eine Form der „Vergangenheitsbewältigung“ darstellt oder eine „Geschmacklosigkeit“, die dem Ansehen der Bundeswehr und ihrer Universität schadet. Die besondere Pikanterie des Falles hat mit den Hauptdarstellern zu tun: Der eine ist ein fortschrittlicher Philosoph, der sich vorgenommen hat, „die Worte Hitlers ... immer wieder ... öffentlich zur Kenntnis zu bringen“, der andere ein jüdischer Historiker, der sich als „deutscher Patriot“ empfindet und sich deswegen um „das gute Image des neuen demokratischen Deutschland“ sorgt.

Fangen wir am Anfang an: Ende Januar 1992 teilt Michael Wolffsohn, Professor für neuere Geschichte, dem Dekan der Sozialwissenschaftlichen Fakultät an der Bundeswehr-Uni, Professor Georg Geismann, brieflich mit, er, Wolffsohn, würde bestimmte Funktionen innerhalb und außerhalb der Fakultät so lange nicht wahrnehmen, wie Geismann Dekan der Fakultät bleibe. „Historische Entkrampfung ohne Entsorgung ist notwendig, ein aus ‚Mein Kampf‘ lesender Dekan nicht. Mein Kampf – Mein Dekan? Nein danke!“ Bis dato habe er die Auftritte des Kollegen für „Seltsamkeiten, Geschmacklosigkeiten, vielleicht auch Provokationen eines Einzelgängers“ gehalten, nun, nach der Wahl Geismanns zum Dekan der Fakultät, würde sich die „Frage der Präsentation und Repräsentation ganz anders“ stellen.

Der Dekan antwortet umgehend. Er macht Wolffsohn „von Amts wegen“ darauf aufmerksam, daß „Amtspflichtverletzungen Ihrerseits“ disziplinarische Folgen nach sich ziehen würden. Zehn Tage später bekommt Wolffsohn eine weitere Abmahnung. Diesmal verwahrt sich der Dekan gegen „die Absicht eines Vergleiches zwischen mir als Dekan und Hitler“ und setzt Wolffsohn eine Frist, „die in jenem Vergleich zum Ausdruck kommende schwere Beleidigung mit dem Ausdruck des Bedauerns“ zurückzunehmen, andernfalls er, Geismann, sich gegen Wolffsohn „die entsprechenden gerichtlichen Schritte“ vorbehalten werde. Die Frist verstreicht, ohne daß der Dekan seine Drohung in die Tat umsetzt.

Zur selben Zeit verbreitet Geismann eine Resolution der Fakultät, in der es heißt, angesichts des Lebensweges und des wissenschaftlichen Werkes des Philosophen Georg Geismann „erscheint jede Verdächtigung einer Affinität zum Nationalsozialismus als gänzlich abwegig“, vielmehr habe die von Professor Geismann „in aufklärerischer Absicht betriebene Vergangenheitsbewältigung zu großer Betroffenheit“ in der Zuhörerschaft geführt. Unterschrieben war die Resolution von „Prof. Dr. Georg Geismann“.

Mitte März, Wolffsohn hatte sich noch immer nicht entschuldigt, setzt der Dekan zur nächsten Runde seiner Vorwärtsverteidigung an. In einem längeren Rundschreiben an alle Kollegen der Fakultät, alle Dekane der Universität, den Präsidenten und den Vizepräsidenten – „betr.: Affäre Wolffsohn“ – dreht er den Spieß um, indem er Wolffsohns Verhalten zum Stein des Anstosses erklärt. „Wäre es Herrn Wolffsohn wirklich am guten Image Deutschlands, der Bundeswehr, der Universität gelegen gewesen“, liest man in dem Zirkular, dann hätte Wolffsohn schon vor sieben Jahren, 1984, „Alarm geschlagen“, als Geismann „zum Gedenken an den 20. Juli 1944“ Adolf Hitler zum ersten Mal las. „Noch zweimal“ hätte Wolffsohn „zu solchen Aktivitäten Gelegenheit“ gehabt und sie nicht genutzt. Wolffsohn „und nur er“, stellt Geismann fest, „hat sich vorzuwerfen, seit sieben Jahren nichts dagegen unternommen zu haben“.

War damit der eigentlich Verantwortliche für Geismanns Treiben ausgemacht, so mußte nur noch die Frage beantwortet werden, warum Wolffsohn sieben Jahre stillgehalten hatte. „Hat ihn etwa“, fragt Geismann in seinem Rundbrief, „die jüdische Gemeinde in München ... auf meine Lesungen angesprochen“; aber auch dann, wenn Wolffsohn ohne Auftrag, aus eigenem Antrieb gehandelt hätte, wäre sein Verhalten „schlimm, weil er sein jüdisches Deutschtum oder deutsches Judentum benutzt, um einen nichtjüdischen Deutschen oder deutschen Nicht-Juden zu diffamieren“.

Damit waren die historischen Dimensionen des Konflikts klar, wie schon öfter in der Geschichte der deutsch-jüdischen Beziehungen nutzte ein Jude seinen Herkunftsvorteil gegenüber einem Nichtjuden rücksichtslos aus. So bekommt auch die Feststellung von Geismann ihre Bedeutung, Wolffsohns Verhalten könnte man „wohl kaum als der Völkerverständigung dienend“ bezeichnen, woraus dann der Umkehrschluß gezogen werden kann, Geismanns Aktivitäten würden im Dienste der Völkerverständigung, vor allem der zwischen Deutschen und Juden, stattfinden.

Der Dekan der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Münchener Bundeswehr-Uni will auch weiterhin die Vergangenheit auf seine Art bewältigen. „Mit Gift, das man nicht beseitigen kann, muß man die Menschheit bekannt machen ...“ Ein solches Bekenntnis legt die Vermutung nahe, daß der Philosoph Geismann sich dem Phänomen Hitler mit derselben Attitüde nähert wie hauptamtliche Sittenhüter einer illustrierten Ausgabe von „Fanny Hill“: Der moralischen Verdammung geht lustvolle Beschäftigung mit dem Objekt der Begierde voraus.

Auf die Frage, warum er sich ausgerechnet Hitler vorgenommen habe, sagt Geismann, er sei zu seinen Lesungen von Helmut Qualtinger angeregt worden, der vor vielen Jahren mit Hitler-Texten aufgetreten sei. Im übrigen verweist Geismann auf „meine Art, die Texte zu lesen“, und die Einführung, die er jeweils zu Anfang gibt.

Da kündigt er an, er werde so lesen, „daß das Schreckensbild eines der größten Teufel, die Deutschland je hervorgebracht hat, traumatische Wirklichkeit wird“, er wolle „in diesen Dämon Hitler hineinkriechen und ihn zu einem unverdienten neuen Leben erwecken“ und dabei „die furchtbarsten Worte sprechen, die je über meine Lippen gekommen sind...“

Womit das „Faszinosum“ definitiv im Bereich des Okkulten angekommen wäre: Es handelt sich entweder um eine Geisterstunde mit erzieherischem Anspruch, die es dem Zeremonienmeister ermöglicht, Unsagbares auszusprechen, oder um eine zeitgemäße Version der Geschichte von Dr. Jekyll and Mr. Hyde oder um eine Mischung aus beidem.

Nachdem ihn ein Jude diffamiert hatte, wollte er von Juden wieder rehabilitiert werden. Während eines öffentlichen Hearings Ende Juni berichtete Geismann, er habe bei der jüdischen Gemeinde in München angefragt, man würde dort seine Lesungen für unproblematisch halten. Freilich – die Präsidentin der jüdischen Gemeinde in München, Charlotte Knobloch, kann sich nicht erinnern, jemals ein Gespräch mit Geismann geführt oder eine Stellungnahme zu seinem Fall abgegeben zu haben.

Darauf angesprochen, sagt Geismann, er habe angenommen, wenn jemand an seinen Lesungen Anstoß nehmen könnte, dann wären es wohl die Juden. Deshalb habe er in der jüdischen Gemeinde angerufen und gebeten, „mit einem führenden Mann“ sprechen zu können. Daraufhin sei er mit einem Herrn Rakowsky verbunden worden, und der habe ihm erklärt, seitens der jüdischen Gemeinde würden keine Einwände gegen seine Lesungen erhoben. Damit sei die Sache für ihn erledigt gewesen. Woran er, der Philosoph Geismann, denn gemerkt habe, daß Herr Rakowsky ein „führender Mann“ der Gemeinde wäre? – Ganz einfach, sagt Geismann, der Mann habe sich intelligent angehört. Henryk M. Broder