Die Befreiung des Landes vom Totalitarismus war das Signal zum Exodus. Eigentlich hatte die Perestrojka auch den Juden alle Möglichkeiten zur Selbstfindung eröffnet, man konnte unabhängige Organisationen, jüdische Schulen und Zeitungen gründen – „dennoch ist jeder Verein und jede Synagoge faktisch zum Ausreisezentrum geworden“.

Für Sonja Margolina, selbst russische Jüdin und seit 1986 als freie Publizistin in Berlin-Kreuzberg lebend, steht „die Auflösung eines der größten jüdischen Zentren in der jüngsten Geschichte“ am Ende einer von Leid und Aufstieg gekennzeichneten Entwicklung. Sie nimmt die Massenauswanderung zum Anlaß, ihre Landsleute vor Legendenbildung zu warnen, sie zu mahnen, sich sowohl der zaristischen und stalinistischen Verfolgungen als auch der Mittäterschaft an bolschewistischen Untaten zu erinnern: „Die Juden waren die Elite der Revolution, und sie waren ihre Gewinner.“

Die einst aus Polen stammenden Juden des Zarenreichs gehörten zu der am stärksten unterdrückten Minderheit der vorrevolutionären Ära. Anders als im Westen, wo das Judentum bürgerlicher Prägung war, besaßen sie unter den Zaren keine Staatsbürgerschaft und durften nur in bestimmten Siedlungsgebieten leben. Eigentum an Land war ihnen verwehrt, sie blieben von staatlichen Ämtern ausgeschlossen und unterlagen gravierenden Beschränkungen bei der Ausbildung und im Beruf. Erst Alexander II. erlaubte ihnen 1861, an russischen Schulen und Universitäten zu studieren. Mit der nichtjüdischen Intelligenzija hatten sie gemein, daß ihnen Wirtschaft und Staat kaum Beschäftigung boten. Nicht zufällig übten die revolutionären Verheißungen der Bolschewiken auf sie eine besondere Faszination aus.

Das kritische Moment besteht für Sonja Margolina nicht darin, daß die sowjetischen Juden Zugang zum bolschewistischen Herrschaftsapparat suchten, sondern daß viele sich an den Ausschreitungen gegenüber der Bevölkerung beteiligten. Gemäßigte, weitblickende Juden, die wie Martin Winawer und Josef Bikerman vor überzogener Anpassung an die maßlosen Politakteure warnten, galten bald als Klassenfeinde. Es lockte der Aufstieg in die Kommandohöhen der Macht. „Wenn für das Zarenregime der Offizier, der adlige Beamte oder Kanzleivorsteher in Uniform typisch waren, so wurde der nicht selten gebrochen Russisch sprechende jüdische Kommissar mit Lederjacke und Mauserpistole typisch für das Erscheinungsbild der revolutionären Macht.“ Die Autorin zitiert Trotzkis Vater, einen assimilierten Gutsverwalter, mit der Prophezeiung: „Die Trotzkis machen Revolutionen, die Bronsteins zahlen dafür.“

Auch wenn zu den Opfern der stalinistischen „Säuberungen“ viele Juden gehörten, hinterließ nach Ansicht der Autorin ihre Nähe zur Macht, die etablierte Stellung in den Sowjets und Straforganen bei der russischen, stark bäuerlich geprägten Bevölkerung einen tiefgehenden Schock. „Sowjetmacht wird mit jüdischer Macht gleichgesetzt.“ Daß unter den späteren Dissidenten auch viele jüdische Intellektuelle waren, hat die Vorbehalte nicht ausgeräumt.

Mit dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion ist für viele Juden auch ein Stück Heimat verlorengegangen. Die Emigration gerade der geistigen Elite ist nach Meinung der Autorin weniger auf die tatsächliche Bedrohung als auf die abnehmende gesellschaftliche Bedeutung zurückzuführen. Sie fühlen sich nicht mehr gebraucht und suchen nach neuen Aufgaben. Als Einwanderer erhalten sie eine neue Gruppenidentität.

Das Buch der Sonja Margolina reflektiert Schicksal und Erfolgsweg ihres Volkes von der zaristischen bis zur postsowjetischen Zeit. Es beschreibt das Joch grausamer Unterdrückung und negiert dennoch nicht die Maßlosigkeit der durch Machtversprechen Geblendeten, der in verantwortungsbewußter Herrschaftsausübung Unerfahrenen. Es ist kritische Selbstbefragung aus dem Blickwinkel und in der Schonungslosigkeit einer Hannah Arendt. Dorothea Hilgenberg