Achtheiten – Seite 1

Wie viele Finger hat der Mensch? Linguistisch betrachtet nur acht, weil der Daumen nicht Finger heißt. So haben es unsere Urahnen gesehen. Indiz: In den indogermanischen Sprachen war das Wort für "neun" auffallend eng mit dem für "neu" verwandt: Neun und neu lauten in Latein novem und novus, im Gotischen nium und niujis, auf indisch nava und navas und in Tocharisch, das vor 2000 Jahren in Teilen Ost-Turkestans gesprochen wurde, nu und nu. Dies weist darauf hin, daß die Acht als eine Grenze empfunden wurde, hinter der man neu beginnt, mit dem Zählen nämlich, so wie im dekadischen System nach jedem Zehner. Schon in vorchristlichen Zeiten aber muß den Menschen klargeworden sein, daß es bequemer ist, den Daumen zum Finger und damit die Zehn zur Zählbasis zu machen.

Wiedererweckt wurde das Achtersystem zu Anfang unseres High-Tech-Zeitalters. Denn "Oktalzahlen" – wir lesen sie : 0, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 10, 11, ... 17, 20, ... – eigneten sich vorzüglich für den Informationsaustausch zwischen Menschen und den noch recht unbeholfenen Computerkolossen der fünfziger Jahre. Inzwischen kapiert so ein Rechner auch unsere Dezimalzahlen.

Acht ist eine Kubikzahl, 8 = 2 x 2 x 2 = 2 hoch3; für die alten Mystiker war sie die erste (eins war für sie keine Zahl). Ergo ernannten sie die Acht zur Zahl des Raumes. Ihn gliederte, Jahrhunderte später, René Descartes mit dem von ihm erfundenen Koordinatensystem in acht Teilräume, die "Oktanten".

Zahl der Rettung ist die Acht in der jüdischchristlichen Überlieferung. Nur acht Menschen – aus Noahs engstem Familienkreis – überlebten die Sintflut; am achten Lebenstag sollte ein jüdischer Knabe beschnitten werden, weshalb die meisten alten Taufbecken achteckig sind; acht Tage alt muß das Lamm sein, ehe es geopfert wird, schreibt Moses und fährt fort: "so ist’s angenehm" – wohl nicht fürs Lamm; acht Seligpreisungen spricht Christus.

Mit der Oktave, dem achten Ton, verdoppelt sich die Frequenz des Grundtons. Mühelos erkennen und produzieren Menschen aller Musikkulturen dieses Intervall.

Gelehrte streiten sich darüber, warum wir acht Tage sagen, wenn wir sieben meinen; wer am Montag verspricht, in acht Tagen wiederzukommen, will nicht erst am nächsten Dienstag erscheinen. Vielleicht versteckt das Unterbewußtsein in diesem sprachlichen Lapsus den Wunsch nach einer Zugabe; Franzosen gewähren sie mit quinze jours für vierzehn Tage.

Lange haben die Gewerkschaften für den Achtstundentag gekämpft. Warum gerade acht Stunden, warum nicht sieben oder neun? Ordnung muß sein: Acht Stunden teilen den Tag in drei exakt gleiche Teile, einen zum Vergnügen, einen zum Schlafen, einen zum Arbeiten. Darum.

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Im chinesischen Buch der Weisheit, I Ging, sind alle denkbaren Schicksalsverläufe in einer Chiffre aus achtmal acht Zeichen codiert. Im Buddhismus beschreiben acht Verhaltensvorschriften den "Achtfachen Weg"; wer ihn beschreitet, braucht nicht mehr wiedergeboren zu werden; er darf für immer ins Nirwana eintreten. Achtblättrig ist die Lotosblume, das Sinnbild des Nirwana. Sie wird auch in der indischen Kosmogonie und in der ägyptischen Mythologie als Attribut von Gottheiten verehrt.

Archimedes, ein Freund gigantischer Zahlen, gab der Acht eine Bedeutung beim Festsetzen großer Zählschwellen, die etwa unseren Millionen oder Milliarden entsprechen. Der Grieche schlug "Achtheiten" vor. Sie waren ziemlich groß: Die erste Achtheit, arithmôn, erstreckte sich von 1 bis 10 hoch 8 (100 Millionen), die zweite bis 10 16 ‚ und weiter so bis zur 10 hoch 8 ten Achtheit, der "ersten Periode" – eine 1 mit 800 Millionen Nullen –, dann weiter zur 10 hoch 8 ten Periode...

Daher mag das merkwürdige griechische Sprichwort stammen: "Alle Dinge sind acht."