Von Michael Althen

Hitchcock erzählte Truffaut 1966 eine kleine Geschichte zum Thema Träume: Es gab mal einen Drehbuchautor, der hatte seine besten Einfälle immer mitten in der Nacht. Wenn er jedoch am anderen Morgen aufwachte, konnte er sich an nichts mehr erinnern. Also beschloß er irgendwann, Papier und Bleistift neben das Bett zu legen. Als er wieder einmal eine tolle Idee hatte, schrieb er sie schnell auf und schlief zufrieden wieder ein. Am nächsten Morgen hatte er natürlich wieder alles vergessen. Aber er hatte ja den Zettel. Darauf stand: "Boy meets girl" – Junge trifft Mädchen.

Leos Carax erzählte einem Reporter 1983 seine Geschichte: Er trage immer sein kleines Tonband bei sich, nehme auf, was er höre und sehe, und lasse dann einen Freund die Bänder abschreiben. Abends lege er dann sein Gerät unter das Kopfkissen. Das sei praktisch, weil man kein Licht machen müsse, wenn man zufällig drei Worte festhalten wolle. Am anderen Morgen verstehe er das Gesagte zwar nicht mehr, aber man müsse immer versuchen, nichts zu verlieren.

Als letztes Jahr "Les amants du Pont-Neuf" in die Kinos kam, erschien ein Sonderheft der Cahiers du cinema, das Leos Carax selbst gestaltet hatte. Es erzählt, wie dieser Film wurde, was er ist, wie sich die Vorbilder zu Bildern entfalteten – und der Film sich in ein Stück Leben verwandelte. Es ist ein Photoalbum, das sich in den Spuren, die dieses Werk hinterlassen hat, zurücktastet, um ein Terrain abzustecken, in dem diese Welt Platz hat. Alles findet sich da: Zeichnungen und Dokumente, Photos und Gemälde. Dialoge und Zitate, Gefundenes und Erfundenes.

Leos Carax ist ein Jäger und Sammler: Alles hebt er auf, nichts will er verlieren. So wird alles zur Fundsache, die Fakten wie die Fiktionen, und das Erlebte findet in seiner Trophäensammlung genauso Platz wie das Erträumte. Gerade in "Boy Meets Girl" kann man sehen, wie sein Erzählen funktioniert. Der Film ist ein Sammelsurium von Szenen und Situationen, die mal wie aufgeschnappt, mal wie ausgedacht wirken: ein quasselnder Araberjunge in der Metro; eine Gruppe Vietnamesen beim Flippern; ein Mann, der am Telephon immer wieder seinen Namen buchstabieren muß. So übertrieben zufällig kommen diese Beobachtungen daher, daß im Grunde ein System dahinterstehen muß. Und genau das bezeichnet der Titel: "Boy Meets Girl", das ist der zum Schicksal geronnene Zufall.

Junge trifft Mädchen. Junge wird betrogen. Mädchen wird verlassen. "Boy Meets Girl" buchstabiert das Alphabet der Liebe, durchläuft die verschiedenen Stadien vom Entflammen bis zum Erlöschen. Aber der Zusammenhalt ist lose, und Leerlauf und Atempausen erzählen ihre mindestens genauso wahre Geschichte von Männern und Frauen. Denn die Liebe arbeitet die meiste Zeit unter Tag und wirkt gern im Verborgenen.

Nichts anderes meint jener Mann, der sie mit Spionage und Sabotage vergleicht. Von der Liebe geheimem Wirken und verborgenem Tun erzählt Carax wie kaum ein anderer. In einer grandiosen Sequenz ist der Weg des Jungen Alex zur Wohnung seiner Freundin Florence, der er zur Versöhnung ein paar Schallplatten geklaut hat, überlagert vom Bettgeflüster, in dem detailliert zur Sprache kommt, was Florence gerade mit ihrem neuen Liebhaber angestellt hat.