Von Karl-Heinz Büschemann

Gerhard Berz geht meist dann auf Reisen, wenn andere Leute froh sind, zu Hause bleiben zu können. Je schlechter das Wetter ist, desto mehr muß er unterwegs sein. Gerade ist der Fünfzigjährige wieder von einer Dienstreise zurückgekehrt, die ihm der Wettergott verordnet hat. "Ich war in einem Paradies", berichtet Berz noch müde von der nächtlichen Rückreise, "das aber war in eine braune Hölle verwandelt worden."

Als leitender Wissenschaftler bei der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft hat Berz drei Tage in Florida die verheerenden Schäden besichtigt, die der Hurrikan "Andrew" hinterlassen hat. Der Wirbelsturm hatte auf seinem Kurs kaum ein Haus stehenlassen, er kostete 52 Amerikanern das Leben und machte eine viertel Million Menschen obdachlos. Zum Erstaunen des erfahrenen Meteorologen Berz aber hatte dieser Sturm auch sämtliche Pflanzen und Bäume in der Schneise der Zerstörung verdörrt und braun gefärbt: "So etwas habe ich noch nie gesehen."

Dabei hat der Schadensexperte aus München schon so viele Katastrophengebiete nach Stürmen oder Überschwemmungen besucht – rund vierzig meint er. So war es auch in diesem Fall fast schon Routine, daß er in einem der ersten Flugzeuge saß, das wieder im verwüsteten Teil Floridas landen konnte. Ausgerüstet mit einer Kamera hat er den ersten Eindruck von den Schäden im Bild festgehalten, die seinen Arbeitgeber einige Hundert Millionen Mark kosten wird. Denn die Münchener Rück hat eine ganz spezielle Kundschaft: Sie versichert Versicherungen gegen Verluste aus großen Schäden. Schon sehr bald werden sich zahllose amerikanische Assekuranzunternehmen bei den Münchenern melden, um sich einen großen Teil der Summe wiederzuholen, die sie den Besitzern vom Winde verwehter Häuser, Autos oder Jachten bezahlen müssen.

Noch ist nicht endgültig beziffert, wie hoch der Schaden aus den Verwüstungen "Andrews" in der Karibik, auf den Bahamas sowie in den US-Bundesstaaten Florida und Louisiana insgesamt ist. Amerikanische Versicherungen aber rechnen damit, daß sie allein rund zehn Milliarden Dollar werden berappen müssen. Es hätte freilich noch schlimmer kommen können. "Die Branche hat noch einmal Glück gehabt", sagt Fedor Nierhaus vom Vorstand der Münchener Rück.

Durch eine glückliche Fügung ist "Andrew" offenbar billiger geworden, als die Versicherungen erwartet hatten, nachdem der Riesensturm von den Wetterdiensten angekündigt worden war. Mit mehr als 250 Kilometern pro Stunde war dieser Wirbelsturm der Kategorie "verwüstend" über das Land gerast. Doch "Andrew" nahm einen vergleichsweise gnädigen Weg. Wäre der Sturm, der die Kleinstadt Homestead völlig wegrasierte, nur etwas weiter nördlich über die Millionenstadt Miami hinweggefegt, die Versicherungen hätten wohl den größten Schaden ihrer Geschichte bezahlen müssen. So war "Andrew" zwar die größte Naturkatastrophe, die jemals über die Vereinigten Staaten kam, doch den traurigen Rekord des größten Versicherungsschadens aller Zeiten halten weiterhin die europäischen Winterstürme des Jahres 1990: Siebzehn Milliarden Mark mußten damals ausgezahlt werden. Davon mußte allein die Rück aus München 1,1 Milliarden tragen.

Ob im Bosporus ein Öltanker wochenlang brennt, auf den Philippinen ein vollbesetztes Flugzeug abstürzt, in Südafrika ganze Landstriche unter einer Sintflut versinken oder in Ostengland eine Chemiefabrik in die Luft fliegt, stets ist die Münchener Rück am Schaden beteiligt. Wohl kaum ein Unternehmen der Welt stellt mit so schaurig-faszinierenden Photos von den größten Katastrophen sein tägliches Gewerbe vor. Lichterloh brennend abstürzende Flugzeuge zieren hochglänzende Informationsbroschüren des Konzerns ebenso wie in der Nordsee versinkende Ölplattformen. Photos von durch die Luft wirbelnden Hausdächern lassen den Atem stocken, und selbst noch das jämmerliche Bild eines Huhns, dem ein Tornado fast alle Federn ausgerupft hat, dient als anschauliches Dokument für die Kraft der Naturgewalten.