Von Gero von Randow

Im Hörsaal ist es dunkel. "Das ist unser Sauerbruch-Saal", sagt Institutschef Günter Spur und öffnet eine Tür, die den Blick in die Maschinenhalle freigibt. Wie Ferdinand Sauerbruch, der berühmte Chirurg, mitten in der Vorlesung Patienten hereinschieben ließ, so kann der Ingenieurprofessor seine Maschinen in den Saal fahren lassen.

Quicklebendig turnt er, obwohl schon im Pensionärsalter, zwischen den Apparaten im runden Maschinendom des "Produktionstechnischen Zentrums Berlin" umher. Das sind Fräs-, Bohr- und Drehmaschinen, drei zyklopische Blechpressen, ein Hochregallager voller Ölfässer, Großbildschirme, eine Raumkapsel und allerhand mehr. Zwischendurch huscht der eine oder andere Mensch vorbei und sagt "Guten Tag, Herr Professor". Lauter Leute mit interessanten Aufgaben: Medizintechniker oder Experten für die Produktion von Chips oder Logistiker und jede Menge Computerfachleute.

Weiter, weiter, Spur will alles vorführen. Das Schwingungslabor, ein schallgedämpfter Raum. Heutige Werkzeugmaschinen sind rasend schnell; falls sie zu sehr schwingen, arbeiten sie ungenau. Wenn die Schwingungen gemessen werden sollen, muß die Raum-Akustik kontrolliert werden. Deshalb die Dämpfung. Weiter, ins Klimalabor. Werkzeugmaschinen wandeln Antriebsenergie in Hitze, und Hitze verändert alles. Das ist ein Problem, schließlich soll die Maschine, nein: nicht millimetergenau, sondern wenige tausendstel Millimeter genau spanen. Im Klimalabor lassen sich die Umgebungstemperatur und die Luftfeuchtigkeit einstellen, damit reproduzierbar gemessen werden kann, und – schon sind wir wieder draußen. Es gibt doch noch viel mehr zu sehen. Tür auf, ein Raum voller Computer, ein paar junge Männer davor, guten Tag Herr Professor, raus, nächste Tür, die gleiche Szene.

An einer Wand hängen lange Reihen kleiner, holzgerahmter Portraitphotos. "Unsere Doktoranden", freut sich Spur und legt los. Er kennt jeden Lebensweg, alle sind sie etwas Wichtiges geworden. Sein Zentrum ist eine Kaderschmiede für Fertigungsingenieure. Es vereinigt das "Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik" der Fraunhofer-Gesellschaft und das "Institut für Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik" der TU Berlin unter einem Dach. Obendrauf kann man Spazierengehen. Von unten grüßt der Spreebogen, Spur grüßt zurück. Dieser Mann ist hochzufrieden mit seinem schnieken Gebäude, seiner Position, seinem Lebensweg, mit sich. Er hat allen Grund dazu, wenngleich es manchmal ein bißchen irritierend wirkt, daß auf so vielen Schildern im Gebäude Aufschriften wie "o. Prof. Dr. h. c. mult. Dr.-Ing. G. Spur" prangen.

Sei’s drum. Der 63jährige Spur gehört zu den bedeutendsten Technikern Nachkriegsdeutschlands. "Ich bin ein 1948er", sagt er und meint den Abiturientenjahrgang. Im gleichen Jahr immatrikulierte er sich an der Technischen Hochschule seiner Heimatstadt Braunschweig als Student des Maschinenbaus. "Und nach dem Studium zieht’s den Ingenieur in die Industrie, damit er was umsetzen kann", sagt er. So hat auch er es gehalten und bei der Bielefelder Firma Gildemeister angeheuert, um Fräsmaschinen zu konstruieren. Es folgte eine Zeit als Assistent und später als Oberingenieur an der TH Braunschweig, 1960 dann die Promotion.

Die Firma Gildemeister stellte den 34jährigen bald darauf als Konstruktionschef ein – und der drehte nun auf. Zu jener Zeit wurden in Amerika die ersten numerisch gesteuerten, numerically controlled (NC), Werkzeugmaschinen zusammengeschraubt. Sie folgten Befehlen, die ein Computer errechnet und in Lochstreifen geknipst hatte. Bei Gildemeister, damals ein konservativer Laden, wollte der junge Spund Günter Spur die revolutionäre NC-Technik ausprobieren. "Wer soll das bezahlen?" fragten die Kaufleute sorgenvoll. Die Fachpresse bezweifelte überdies den Sinn der neuen Technik.