Von Christoph Meckel

Savyon Liebrecht ist das Kind polnischer Eltern, die die Schoah überlebten. Sie wurde 1948 in München geboren, wuchs in Israel auf, studierte Philosophie und Literatur, begann während ihrer Militärzeit zu schreiben, veröffentlichte zwei Bände Erzählungen und lebt in Tel Aviv.

Ihre Jugend war von dauerndem Schweigen belastet. Die Eltern schwiegen über das Erlebte, kein Wort über die deutschen Vernichtungslager. Von den Toten der Familie wurde nicht gesprochen. Vor drei Jahren begleitete sie ihren Vater auf einer Reise nach Polen. Während sie durch ein KZ gingen, begann ihr Vater plötzlich zu sprechen, sehr heftig, auf polnisch. An hebräischen Wörtern erkannte sie, daß er mit ihr von dieser Vergangenheit sprach. Weder davor noch danach war die Rede davon. Dieses jüdische Schweigen entspricht dem deutschen Schweigen, das ich als Kind nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhr. Die Schoah war lange kein Stoff für die hebräischen Literatur, es gab dafür keine Sprache. Doch langsam löste sich die Verhärtung. Savyon Liebrecht gehört zu den ersten Autoren, die von den Auswirkungen der Schoah im heutigen Leben Israels erzählen. „Mein Schreiben“, sagt sie, „ist das Ergebnis des Schweigens zwischen meinen Eltern und mir“.

Erzählt wird vom täglichen Leben in den Familien, von den Krankheiten, die es bestimmen. Das sind die jüdisch-arabische Misere, die Schoah, die jüdische Orthodoxie, die Kriege Israels und die Spannungen zwischen alten und jungen Leuten, vor allem Frauen. Mehrfach wird von kranken Kindern erzählt, von seelischer Deformation und Unheilbarkeit. „Zwei Monate vor seiner Bar-Mizwa-Feier wurde er krank, sein Gesicht färbte sich gelb wie das eines alten Mannes. Auch seine Augäpfel sahen aus wie altes Pergament. Jede Woche schoben sie sein Bett ein Stückchen weiter von der Haustüre fort, am Ende stand es in dem dunklen Gang, der zur Speisekammer führte. Sie schlich sich trotz der Warnungen ihrer Mutter in diesen abgelegenen Winkel der Wohnung, um seine kraftlose Hand zu nehmen und ihm zuzuflüstern: Verjag die Krankheit, soll sie doch zu Danziger, dem Dieb, gehen!“

In dieser Prosa stecken unauflösbarer Schrecken, Verstörung und Leid. In der Titelerzählung, der hellsten des Buches, wird dieser Schrecken durch das Verständnis einer Mutter für die unabhängige Tochter besiegt. In „Chajutas Verlobungsfest“ ist der Großvater Mendel der wunde Punkt der Familie. Er lebt in Zwängen seiner Erinnerung, die sich auf Festen, vor allem beim Essen, entlädt. Man bittet ihn, einen Segen zu sprechen. „Der alte Mann wurde ein wenig blaß im Gesicht, er fühlte bereits, was in ihm vorging. Von erwartungsvollen Augen fixiert, hob er sein Glas und sagte auf Jiddisch: Mögen wir ein glückliches Jahr haben. Voll Frieden im Kreise unserer Familie. Und mit vielen guten Mahlzeiten. Ich möchte euch etwas erzählen, und da trifft es sich gut, daß wir alle beisammen sind und auch die Kinder zuhören. Im Krieg habe ich vier Jahre kein Fleisch gegessen. Wir waren Skelette. Man konnte die Knochen an unseren Körpern zählen. Irgendwann kamen Gerüchte auf, die Amerikaner befänden sich auf dem Vormarsch. Da wurden die Deutschen nervös und gaben uns noch weniger zu essen. Als Moische Bermanski und ich sahen, wie ein Deutscher davonlief, schnappten wir uns die Wurst, die an seinem Gürtel hing. Ich roch an der Wurst und mußte mich übergeben, aber Moische fraß wie ein Schwein. Er verschlang die Wurst, und eine halbe Stunde später quollen ihm die Augen aus den Augenhöhlen, und er fiel tot um, noch ehe die amerikanischen Soldaten da waren. Alle am Tisch schauten konsterniert auf den alten Mann.“

Mit kriminalistischer Intensität und in klarer Sprache wird das Schweigen gebrochen, die Erstarrungen gelöst, die den einzelnen isolieren, die Familien verstören, die Liebe lähmen. Wenn vom früheren Leben der Juden in Europa erzählt wird, beginnt die Sprache zu klingen wie eine Legende, sie erinnert dann an Agnon oder Babel, an die schönste jiddische Überlieferung.

Savyon Liebrecht sagt, daß Erzählen für sie weniger poetische, vielmehr soziale Bedeutung habe. Eine Erzählung teilt etwas mit. Der Erzähler erzählt eine bestimmte Geschichte, damit der Leser die Geschichte erfährt. Er erzählt sie auf eine genaue, bestimmte Weise, damit der Leser sie liest und aufnimmt. Aus diesem unpersönlichen, trockenen Grundsatz sind klassische hebräische Erzählungen entstanden (und wahrhaftige Mitteilungen aus Israel). Savyon Liebrecht wünscht sich deutsche Leser. Vor allem im Gespräch mit Deutschland und Deutschen, sagt sie, kann die Erstarrung, die sie erfuhr, gelöst werden.

Von Umständlichkeiten abgesehen ist die Übersetzung so ausgezeichnet wie die Erzählungen: lebendig und wahrhaft.

  • Savyon Liebrecht:

Äpfel aus der Wüste

Erzählungen; aus dem Hebräischen von Stefan Siebers; persona verlag, Mannheim 1992; 292 S., 36,– DM