Von Ernst Klee

Marburg an der Lahn gilt als Mekka der Kinderseelen-Kunde. In Marburg lehrte der „Nestor der Kinder- und Jugendpsychiatrie“: Hermann Stutte, Präsident und Ehrenpräsident der Union Europäischer Pädopsychiater, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Sonderschule für Kranke am Klinikum der Philipps-Universität ist nach ihm benannt. Die Bundesvereinigung Lebenshilfe für geistig Behinderte hat ihre Fortbildungsstätte „Hermann-Stutte-Haus“ getauft. Mit „Hermann-Stutte-Gedächtnisvorlesungen“ würdigte ihn die Jugendpsychiatrie.

Prof. Dr. med. Dr. phil. h.c. Dr. jur. h.c. Hermann Stutte hat die Kinderseelen-Kunde im Dritten Reich gelernt: bei seinem „verehrten Lehrer“ Hermann Fritz Hoffmann („Nazi-Hoffmann“), von 1933 bis 1936 Direktor der Universitätspsychiatrie in Gießen. In dem 1934 aufgelegten Sammelband „Erblehre und Rassenhygiene im völkischen Staat“ hatte Hoffmann „großangelegte Nachkommensuntersuchungen“ angekündigt, um „Sozial-Abnorme“ sterilisieren zu können. Diesem Zweck dienen 1934/35 erbbiologische Forschungen an Gießener Fürsorgezöglingen. Freigestellt für diese Forschung ist Hermann Stutte.

Hoffmann wird 1936 Direktor der Tübinger Nervenklinik und ein Jahr später – in der Uniform eines SA-Obersturmführers – Rektor der Universität. Hermann Stutte folgt seinem Lehrer in die Neckarstadt. Hier trifft er, so ist seinen Lebenserinnerungen zu entnehmen, den Rassenhygieniker Robert Gaupp: „Gaupp hielt nach seiner Emeritierung von 1936-1939 noch Vorlesungen ... z.B. über ‚Probleme der Entartung von Mensch und Volk‘, in denen er gelegentlich auch von uns Assistenten ihm vorgestellte Fälle demonstrierte.“

Wissenschaft und Fürsorge stehen in diesen Jahren im Dienste einer brutalen Ausrottungspolitik. Die Blätter der Wohlfahrtspflege in Württemberg, September 1937: „... die Asozialenfrage (stellt) ein schweres Problem dar, das im Sinne der restlosen Ausmerzung und Unschädlichmachung aller gemeinschaftsuntauglichen und sozial und rassisch minderwertigen Elemente gelöst werden muß.“ Hermann Stutte leitet von 1938 an das „klinische Jugendheim“ der Tübinger Nervenklinik, eine kinder- und jugendpsychiatrische „Beobachtungsstation“ im Netz der württembergischen Nazifürsorge, in der unter anderem geistig Behinderte und Fürsorgefälle erbbiologisch gesichtet, das heißt selektiert werden.

Verantwortlich für die Fürsorge im Gau Württemberg-Hohenzollern ist Medizinalrat Dr. Max Eyrich, ein Vorgänger Stuttes am Tübinger „Jugendheim“, seit 1933 Landesjugendarzt in Stuttgart. Er hält am 8. November 1938 auf dem Württembergischen Anstaltstag in Stuttgart das Grundsatzreferat „Fürsorgezöglinge, erbbiologisch gesehen“ (1939 in der Zeitschrift für Kinderforschung nachgedruckt). Jugendpsychiater Eyrich diagnostiziert „aus erblicher Veranlagung geborene Verbrecher und Asoziale“: „Was sie zusammenhält, sind Lebensweise, Sprache und soziale Minderwertigkeit – letztere vielleicht Ergebnis einer Jahrhunderte währenden Zucht Unterwertiger auf sozial negative Eigenschaften hin.“ Selbstverständlich verlasse kein Schwachsinniger eine Anstalt ohne Unfruchtbarmachung.

Eyrichs Kernsatz: „Die Fürsorgeerziehung ist ... das erbbiologische Sieb dieser Jugend.“ Da verwundert es nicht, daß Eyrich 1940 bei der Erfassung von Euthanasie-Opfern in Württemberg gesichtet wird.