Hermann Stutte ist nach eigenen Angaben von 1939 bis 1941 im Kriegseinsatz. Am 5. September 1940 hat er jedoch Urlaub, weil in Wien die Deutsche Gesellschaft für Kinderpsychiatrie und Heilpädagogik gegründet wird. Zu diesem Zeitpunkt sind mehr als 14 000 Menschen in den Euthanasie-Anstalten vergast – unter ihnen als schwachsinnig „ausgesiebte“ Kinder der württembergischen Heilanstalten.

Auf der Gründungsveranstaltung referiert der „Heilpädagoge“ Karl Tornow über „Völkische Sonderpädagogik und Kinderpsychiatrie“. Landesrat Hecker, Dezernent des Rheinischen Fürsorgewesens, thematisiert die Siebung der „Unerziehbaren“ nach ihrer „sozialen Brauchbarkeit“. Er gesteht immerhin ein, daß es ein „ganz unwissenschaftlicher Ausweg“ sei, das Urteil „erbliche Belastung“ auf äußere Tatsachen (wie soziale Unbrauchbarkeit) zu gründen.

Dr. Hans Alois Schmitz, Leiter der Rheinischen Landesklinik für Jugendpsychiatrie in Bonn, berichtet über seine „Sichtungsstation“. SA-Mitglied Schmitz zwei Jahre zuvor in der Zeitschrift Die Rheinprovinz: „Erst in der Zusammenschau des einzelnen als Teil seiner Familie und als Glied in der Kette seiner Ahnen ist es möglich, die wichtige Entscheidung zu treffen: ausmerzereif oder förderungsbedürftig.“

In Wien weiß Schmitz, gerade Dr. med. habil. und Obermedizinalrat geworden: „Die eigenen gutachterlichen Erfahrungen vor Sondergerichten und Volksgerichtshof sprechen dafür, daß man in dem Kreise der Richter auf die Unterstützung von seiten jugendpsychiatrischer Sondereinrichtungen allergrößten Wert legt.“ Nach den Mitarbeiterlisten der Berliner Euthanasie-Zentrale ist Schmitz, zusammen mit seinem Chef Kurt Pohlisch („Der nationalsozialistische Staat ist biologisch aufgebaut“), seit April 1940 Gutachter beim Krankenmord.

Ein Star der Gründungsveranstaltung ist Werner Villinger, Ordinarius, Direktor der Universitätsnervenklinik und Beisitzer beim Erbgesundheitsobergericht in Breslau. Er wird Schriftführer der Deutschen Gesellschaft für Kinderpsychiatrie. Villingers Stationen: 1920 erster Leiter des „klinischen Jugendheimes“ in Tübingen, von 1926 bis 1933 leitender Oberarzt beim Landesjugendamt Hamburg, bis 1939 Chefarzt der Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel und Beisitzer am Erbgesundheitsobergericht in Hamm. Villinger ließ unzählige Behinderte sterilisieren, in Bethel sogar ausländische Zöglinge: „Wir haben in einem Fall eine Ausnahme gemacht, ein österreichischer Junge aus Braunau, dem Geburtsort Hitlers.“

Villinger genügte die Sterilisation, die „eugenische Ausmerze“, nicht. Er forderte zusätzlich ein Bewahrungsgesetz, um dem Volkskörper „Schädlinge und Schmarotzer“ fernzuhalten und die Fürsorge im nationalsozialistischen Geiste um- und auszugestalten. Villinger 1939 in der Zeitschrift für Kinderforschung: „Asoziale Debile und asoziale Psychopathen und ihre mannigfachen Kombinationen können wir heute noch nicht oder nur in ungenügendem Maße aus dem Volkskörper aussondern und so unschädlich machen.“

Auf der Gründungsveranstaltung der Kinderpsychiater im September 1940 wettert Villinger gegen den Weimarer Staat: „Auch ein ganzes Volk kann verwahrlosen, wenn ihm die Zügelführung und das Vorbild fehlt.“ Die Nazifürsorge lobt er dagegen: „Sie sind wie ausgestorben, jene widerspenstigen Lümmel, die einst die ... Fürsorgeanstalten bevölkerten.“ Vor dem Hintergrund von Vergasungsanstalten und Jugendschutzlagern (das Jugend-KZ Moringen ist gerade errichtet) klingt das makaber. Villingers Schlußsatz: „Die Welt blickt auf Deutschland; tun wir das Unsere!“ Villinger tut das Seine: Er wird, nach den Mitarbeiterlisten der Berliner Mordzentrale, im März 1941 Euthanasie-Gutachter.