Hermann Stutte („geprägt durch die Frömmigkeit des Siegerländer Pietismus“) greift häufig auf das Buch „Der nichtseßhafte Mensch“ zurück, dessen Untertitel die Absicht verrät: „Beitrag zur Neugestaltung der Raum- und Menschenordnung im Großdeutschen Reich“. Das Werk (mit einem Beitrag Villingers: „Welche Merkmale lassen am jugendlichen Rechtsbrecher den künftigen Gewohnheitsverbrecher voraussehen?“) legitimierte 1938 die KZ-Internierung der „Asozialen“ und forderte, sie „unschädlich“ zu machen. Stutte stützt sich auch sonst auf Kollegen der Nazizeit, die Menschen als Minderwertige diffamierten und Verfolgung, KZ-Haft und Vernichtung preisgaben.

Einer von ihnen ist Robert Ritter, „Zigeuner-Ritter“ genannt, ebenfalls ein Vorgänger Stuttes im Tübinger „Jugendheim“. Jugendpsychiater Ritter hatte den (auch von Stutte und Villinger benutzten) Begriff „getarnter Schwachsinn“ erfunden, um durchaus nicht schwachsinnige Kinder von Landfahrern rassisch verfolgen zu können („Diesen Schwachsinn, der die Maske der Schlauheit trägt, werden wir am treffendsten als getarnten Schwachsinn bezeichnen“).

Ritter wurde Leiter der Rassenhygienischen und Bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle des Reichsgesundheitsamtes (anfangs mit einer Zweigstelle in der Tübinger Jugendpsychiatrie) und Chef des Kriminalbiologischen Instituts der Sicherheitspolizei. Er gilt als der „akademische Organisator des Völkermordes an den deutschen Zigeunern“. Ritter erfaßte „Zigeuner“ mit Polizeigewalt und ließ sie noch in Auschwitz beforschen, bis es keine Zigeuner mehr zu beforschen gab. Zugleich war Ritter (nach dem Krieg Stadtarzt in Frankfurt am Main) der leitende Kriminalbiologe der Jugend-KZs. Sein Thema hier: die „prognostische Beurteilung asozialer Jugendlicher“. Ein Thema, das nach eigenem Bekunden auch Stutte „zeitlebens“ nicht losläßt.

Im Juli 1961 bahnt sich das Ende von Stuttes Gönner Villinger an. Werner Villinger kann zu dieser Zeit auf ein erfolgreiches Leben zurückblicken: Er ist Vorsitzender der 1950 wiedergegründeten Deutschen Vereinigung für Jugendpsychiatrie, sitzt in vielen Ausschüssen, zum Beispiel dem Bundesgesundheitsrat, war Dekan der Medizinischen Fakultät und Rektor der Philipps-Universität, hat das Große Bundesverdienstkreuz und gilt als „Führer der deutschen Jugendpsychiatrie“.

Am 26. Juli 1961 ist Villinger auf das Amtsgericht Marburg geladen. Der Amtsgerichtsrat weist ihn eindrücklich auf die Strafbarkeit einer Falschaussage hin, weil seine Gutachtertätigkeit bei der Nazi-Euthanasie inzwischen bekannt ist. Dennoch behauptet Villinger: „Ich bleibe nach wie vor dabei, daß ich keine Gutachten in der Euthanasieangelegenheit erstattet habe.“ Zwei Wochen nach dieser Aussage, am 9. August 1961, stürzt Villinger bei einer Bergwanderung zu Tode. Kollegen munkeln, er habe sich das Leben genommen.

Villingers Nachfolger als Vorsitzender der Jugendpsychiater wird für lange Jahre Hermann Stutte. 1970 erscheint in der Zeitschrift Der Nervenarzt sein Aufsatz „30 Jahre Deutsche Vereinigung für Jugendpsychiatrie“. Stutte würdigt die Wiener Gründungsveranstaltung im September 1940: „Die Referate ... hatten ein beachtliches wissenschaftliches Niveau und für mich, den Novizen dieses Faches, waren die hier empfangenen Eindrücke von berufeentscheidender Evidenz.“ Daß Jugendpsychiater als pseudowissenschaftliche Selektionsinstanz im Sinne der Nazis Minderwertige „ausgesiebt“ oder selbst vernichtet hatten, erwähnt Stutte mit keinem Wort. Die deutsche Kinder- und Jugendpsychiatrie, eine der jüngsten medizinischen Disziplinen, hatte dem NS-Erbgesundheitswahn gedient und sich wohl politische Anerkennung versprochen. Der Opfer der Selektionswissenschaft wurde nie gedacht.

Hermann Stutte, Ehrendoktor der Philosophischen Fakultät der Universität Marburg und der juristischen Fakultät Göttingen, starb am 22. April 1982. Im Nachruf rühmt ihn sein Schüler und Nachfolger Helmut Remschmidt: „Seine Arbeiten verkörpern in ihrer Gründlichkei und Originalität, ihrem Weitblick und Perspektivenreichtum ein umfassendes Lehrgebäude der Kinder- und Jugendpsychiatrie, das von hoher Wirksamkeit war und dies auch weiterhin bleiben wird.“

Die mörderische Vergangenheit der deutschen Jugendpsychiatrie blieb bis heute tabu – eine fast schon pathologische Verdrängungsleistung.