Von Ulrich Enzensberger

In den Jahren 1989/90 sind sieben Romane von Kadare auf deutsch erscheinen, darunter die „Chronik in Stein“, ein Buch ohne nationalen, ohne Balkan-Bombast, die wunderbare Beschreibung einer vergessenen Provinz. Drei neuere Publikationen wecken Zweifel am nobelpreisverdächtigen „Sänger Albaniens(Le Monde), den Martin Walser mit Homer und die New York Times mit Mark Twain verglich und in dem die Züricher Weltwoche schon einen zukünftigen albanischen Präsidenten vermutete.

Mit dem Gesellschaftspanorama „Konzert am Ende des Winters“ versucht Kadare seinen Roman „Der Große Winter“ fortzuführen, der das Ende der sowjetisch-albanischen Beziehungen 1961 beschrieb. Diesmal werden die Fallstricke der Chinesen zerrissen, beißen sich statt der sowjetischen nun die gelben Schurken an Albanien die Zähne aus.

Die sowjetische Bedrohung 1961 war direkt. Man kann natürlich darüber spekulieren, was geschehen wäre, wenn Albanien sich in den Siebziger Jahren nicht von China abgewandt hätte, aber die „chinesische Lösung“, die 1989 den Albanern drohte, wäre bestimmt nicht in Peking beschlossen worden. Der Patriotismus des „Großen Winters“ überzeugte, das nationalistische „Konzert“ gerät zu einer Kolportage, bei der sich höchstens betagten Tirana-Astrologen die Haare sträuben.

Kadare soll der Kommunistischen Partei im Alter von zehn Jahren beigetreten sein. Zwölf Jahre lang war er Abgeordneter im Parlament („hatte einen ähnlichen Wert wie eine Mitgliedschaft im Club Mediterrane“). Er war im Vorstand der Schriftstellerunion („überhaupt nicht mit dem sowjetischen zu vergleichen“, „rein soziales Unternehmen“), und zweiter Vorsitzender der „Nationalen Front“ („zwei Treffen, vier Stunden“). Angeblich hat er nur einmal Enver Hodscha getroffen („71 oder 72, hab’s verdrängt“). Seine Werke waren in den albanischen Schulen Pflichtlektüre. Seit vielen Jahren konnte er frei reisen.

1991 emigrierte er nach Frankreich, riet aber seinen Landsleuten, zuhause zu bleiben und warnte vor „staatenlosen Horden“, ja einer „Verhordung der Menschheit“. In seinem Rechtfertigungs-Buch „Albanischer Frühling“ wirft er Ramiz Alia, dem Nachfolger Hodschas vor, die Chance, ein zweiter Gorbatschow zu werden, vertan zu haben und schreibt: „Er hatte mehr Glück als Gorbatschow, denn im Gegensatz zu ihm, den man im Ausland mehr schätzt als zuhause, wäre er sowohl im Inland wie im Ausland geschätzt worden.“ Kadare selbst hat noch 1989 erklärt: „Ich interessiere mich nicht sonderlich für Perestroika und Glasnost“. „Stalinistisches Regime?“ meinte er damals, „das ist ein Terminus, der außerhalb von Albanien entstanden ist und mit unserem Land wenig zu tun hat.“ Heute findet er, Albanien sei zwar das „am schlimmsten stalinistische Land überhaupt“ gewesen, habe aber die beste Literatur Osteuropas besessen: „Meine Bücher waren wie ein Zitadelle der Freiheit, sie haben eine ganze Nation im Geist des Widerspruchs gegen das Regime, gegen die Diktatur erzogen.“ Eine „titanische Aufgabe“ habe er damit geleistet.

„November einer Hauptstadt“, das dritte 1991 auf deutsch erschienene Buch Kadares, schließt mit dem Vermerk „1975/1990“. Nicht um irgendeinen November geht es, sondern um den „nentori“ 1944, nach dem die Fußballmannschaft „Nentori Tirana“ benannt wurde, um den Sieg über die deutschen Faschisten. Und nicht ohne Hintergedanken hat Kadare aus den Ereignissen jener Tage die Befreiung der Radiostation herausgegriffen.