Von Hans Schuh

In den vergangenen Jahren mußten viele tausend kommunale und private Brunnen in Deutschland schließen, weil ihr Wasser nicht mehr den Reinheitsvorschriften entsprach. Zehntausenden anderer Brunnen droht das gleiche Schicksal, weil verschärfte EG-Regelungen in Kraft getreten und die Pumpen nur mehr mit Übergangsgenehmigungen in Betrieb sind. Vor allem Nitrate und Pestizide aus der Landwirtschaft führen zu Grenzwertüberschreitungen. Die Erschließung neuer Trinkwasserquellen erfordert jedoch Milliarden, und eine wachsende Schar von Kritikern fragt, ob neue Brunnen wirklich immer notwendig sind. So bedeutet eine Überschreitung der EG-Grenzwerte für Pestizide noch keine Gesundheitsgefährdung. Trotzdem werden deshalb Brunnen gechlossen.

Zweifellos wissen wir noch viel zuwenig, um die vorhandenen Mittel optimal für den dringend notwendigen Wasserschutz einsetzen zu können. Häufig rätseln selbst die Fachleute, ob und wie verschiedene Gifte aus sehr unterschiedlichen Quellen (siehe Zeichnung) ins Grundwasser gelangen und wie sie sich dort verhalten. Besonders schwierig ist es, die Gefahr vorherzusagen, die von den Altlasten (alte Deponien oder Industriegebiete) ausgeht – alleine in der alten Bundesrepublik schätzt man deren Zahl auf etwa 60 000. Deshalb ist es nur zu begrüßen, daß die Stiftung des kürzlich verstorbenen Hamburger Industriellen und Mäzens Kurt A. Körber ihren alljährlich vergebenen Förderpreis für die europäische Wissenschaft diesmal dem schwierigen Thema "Ausbreitung und Wandlung von Verunreinigungen im Grundwasser" gewidmet hat. Der Stifter hat seinem Kuratorium ein (fast zu) ehrgeiziges Ziel gesteckt: Mit einer stolzen Summe – in diesem Jahr sind es 1,25 Millionen Mark – sollen "Arbeiten auf den Gebieten der Physik, Chemie, Medizin und Technologie gefördert werden, die einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung der Lebensbedingungen auf unserem Planeten versprechen".

Am Montag dieser Woche wurden im Hamburger Rathaus sieben Wissenschaftler für ihre Grundwasserforschungen ausgezeichnet, darunter ein Pionier der Wasserchemie, der Schweizer Werner Stumm. Er lehrte bis zu seiner kürzlich erfolgten Emeritierung an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich und hat als einer der ersten die Notwendigkeit multidisziplinärer Forschung in den Umweltwissenschaften erkannt. Von ihm stammt ein Standardlehrbuch der Wasserchemie.

Nicht minder beschlagen ist der zweite Laureat, Ghislain de Marsily, Professor für Angewandte Geologie an der Pariser Universität Pierre et Marie Curie. Er gilt als Spezialist für Transportvorgänge in Grundwasser und Boden und ist ebenfalls Autor eines international erfolgreichen Lehrbuches.

Mit den 1,25 Millionen Mark des Förderpreises soll nicht gepraßt, sondern konkrete Forschung finanziert werden. Fünf renommierte europäische Wissenschaftlergruppen mit unterschiedlicher Ausrichtung wollen das Geld zu einem Gemeinschaftsprojekt nutzen. Dessen Leiter wird der Schweizer Umweltchemiker René Schwarzenbach, unterstützt von seiner Kollegin Laura Sigg Sie ist Fachfrau für chemische Analytik und lehrt wie Schwarzenbach an der ETH Zürich. Von der Straßburger Universität Louis Pasteur bringt Philippe Behra seine Kenntnisse der Flüssigkeitsmechanik ein. Und von deutscher Seite sind Wolfgang Kinzelbach, Leiter des Fachgebietes Technische Hydraulik und Ingenieurhydrologie der Gesamthochschule Kassel, sowie Ludwig Luckner, Chef des Institutes für Grundwasserwirtschaft der TU Dresden, beteiligt.

Ihr gemeinsames Ziel ist die Entwicklung von Modellen, um die Ausbreitung von Schadstoffen in Grundwasser und Boden besser berechnen zu können. Fortschritte sind hier dringend erforderlich, um das Grundwasser effektiver schützen und sanieren zu können. Leider arbeiten die einzelnen Forschungsgruppen bisher oft nebeneinander her. Die einen wissen, wie die Grundwasserströme fließen, die anderen kennen die biologischen und die nächsten wiederum die chemischen Prozesse, in denen sich Schadstoffe auf ihrer Wanderung durch Boden und Wasser umwandeln in harmlosere, manchmal aber auch in giftigere Substanzen. Je nach Beschaffenheit des Bodens dringen manche Gifte rasch hindurch, andere werden von ihm neutralisiert oder bleiben in bestimmten Schichten zeitweilig oder gar endgültig hängen. So treffen in der Grundwasserforschung Chemie, Physik, Biologie, Geologie und Hydrologie in einem äußerst komplexen Geflecht zusammen. Mit dem Geld des Körberpreises soll der Versuch unternommen werden, bereits bestehende Modelle der Einzeldisziplinen zu einem Ganzen zu vereinen.