Von Werner A. Perger

Berlin

Mit einer persönlichen Botschaft an die Sozialistische Internationale nahm Willy Brandt von seinem Wohnort Unkel aus Abschied von der politischen Weltbühne. "Muß ich sagen, mit wieviel Freude und Stolz es mich erfüllt, euch in Berlin zu wissen?" Den Text las Hans-Jochen Vogel, der deutsche Vizepräsident der SI. Er tat es mit Würde, leicht fiel es ihm nicht. Am Ende erhob sich die Versammlung im Plenarsaal des Reichstagsgebäudes und bekundete dem Abwesenden stehend ihren Respekt, wissend, daß sie eine Art politisches Vermächtnis gehört hatten. Der Kern dieser Botschaft des schwerkranken Sl-Präsidenten richtete sich zunächst, wie es schien, vor allem nach innen, ans eigene Volk: "Wer Unrecht lange geschehen läßt, bahnt dem nächsten den Weg." Und wandte sich anschließend an alle: "Auch nach der Epochenwende 1989 und 1990 konnte die Welt nicht nur ‚gut‘ werden. Unsere Zeit allerdings steckt, wie kaum eine andere zuvor, voller Möglichkeiten – zum Guten und zum Bösen. Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum – besinnt euch auf eure Kraft und darauf, daß jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll."

Noch Ende August war Willy Brandt entschlossen, an dem Berliner Kongreß teilzunehmen. Die Kraft zu einem kurzen Auftritt, zu einer kleinen Ansprache von vielleicht zehn Minuten, meinte er in sich zu spüren, und der Wille, den seit langem geplanten Abschied aus dem Amt persönlich vorzunehmen, war stark. Eine neue kritische Selbstprüfung ließ ihn davon dann aber doch Abstand nehmen. "Es sollte nicht sein", schrieb er im Grußwort.

Daß Felipe Gonzales den Kongreß am vergangenen Dienstag eröffnete, war in dieser Situation keine Überraschung. Zwar hätte jeder der anderen 23 Vizepräsidenten dies tun können. So aber entsprach es dem engen, persönlichen Verhältnis zwischen ihm und Brandt. Das Bild vom politischen Erben, vom "Enkel" und vom "Großvater", in Deutschland einmal für Brandt und die heute Fünfzigjährigen an der SPD-Spitze geprägt, alsbald überstrapaziert und inzwischen verbraucht, hat auf dieser internationalen Ebene unverändert seine Bedeutung. Ein Deutscher, der beide gut kennt, hat ihre Beziehung noch inniger definiert: "Felipe bleibt der liebste Sohn."

Da kommt vieles zusammen, vor allem aber war es, wie immer bei Brandt, Politisches, was die beiden einander so nahe brachte. Besonders imponierte Brandt, der Spanien in jungen Jahren während des Bürgerkriegs kennengelernt hatte, der große persönliche Mut, mit dem Gonzales im Franco-Spanien als "Genosse Isidoro" im politischen Untergrund aktiv war. Dort halfen SPD und Friedrich-Ebert-Stiftung schon vor Brandts Präsidentschaft. Auch die Risikobereitschaft, mit der Gonzales später, als junger Ministerpräsident, sein Land aus der Isolation herausführte und zu einem demokratischen internationalen Faktor machte, gefiel dem alten Kämpfer, der selbst viele Narben trägt. Freude hatte er auch an dem Geschick, mit dem "Felipe", der Exradikale, die Partei aus einer typisch südeuropäisch-sozialistischen Opposition zu einer realpolitisch-sozialdemokratischen Regierungspartei machte und sie "von der Ethik der Ideen zur Ethik der Verantwortung" führte, wie Gonzales das selbst formuliert.

Ein "Enkel" also, um im vertrauten Bild zu bleiben, wie Brandt ihn sich besser kaum wünschen könnte, der geborene Nachfolger. Er wäre auch seine erste Wahl gewesen, von einer Ausnahme vielleicht abgesehen. Brandt hätte sein Amt wohl schon früher, nicht erst im Alter von 78 Jahren einem anderen übergeben, und zwar Olof Palme, dem weltweit populären Schweden, wäre der nicht im Februar 1986 in Stockholm einem Attentat zum Opfer gefallen.