NDR 3, Freitag, 11. September: "Querulanten"

Nachdem das "Literarische Quartett" ein Überraschungserfolg geworden ist, der Beweis, daß Intellektualität und Elektronk sich nicht ewig hassen müssen, war es nur eine Frage der Zeit, bis ein weiteres Quartett mit ähnlichem Ehrgeiz an den Start ging. Letzten Freitag hatten auf N 3 die "Querulanten" Premiere: Vier Journalisten diskutieren politische Härtefälle. Zum Einstand gab’s die Frage: Ist der Zusammenbruch des Sozialismus ein Segen?

Das "Literarische Quartett" lebt von der Rollenverteilung unter den drei Stammdiskutanten, vom Streit unter Kennern, die auch einander gut kennen, und von der bedingungslosen Hingabe der vier Kritiker an ihren Gegenstand, die Literatur. Was immer man gegen Reich-Ranicki sagen mag: Seine Begeisterung für große Romanciers und solche, die er dafür hält, hat etwas Absolutes und überstrahlt alles, was dazu bestimmt sein könnte, dem "Literarischen Quartett" zu schaden: das ehrerbietig-stumme Sadpublikum, die Befangenheit des jeweils vierten, eines wechselnden Gastes, und die Neigung des Quartetts, sich festzuquatschen, hoch empfindlich auf kleinere Neckereien zu reagieren und witzig sein zu wollen. Das macht alles nichts, weil das große Ziel, herauszufinden, welches Werk der Belletristik heuer die Lektüre lohnt und warum, so leidenschaftlich und kontrovers verfolgt wird, daß Redundanz und Eitelkeiten gern verziehen werden.

Das politische Quartett hatte keine solche gemeinsame Passion – und wenn doch, dann kam sie nicht rüber. Zwischen Johannes Gross und Fritjof Meyer gab es Ansätze zu einem prinzipiellen Streit; aber wo man den "Literaten" abnimmt, daß sie für ihre Thesen und Favoriten augenblicks durchs Feuer gehen würden, wirkten die "Querulanten" angesichts des zusammengebrochenen Sozialismus ein bißchen abgeschlafft. Ja gewiß, ein Segen ist es schon, daß der Kommunismus ausgespukt hat, aber die "Destabilisierung" vom Balkan bis Sibirien ist doch ein hoher Preis. Ein ordentlicher Politikaster fürchtet mit Grund nichts so wie sie. Zwar versuchte Henryk M. Broder, die schwerblütige, gleichsam chefredaktionelle Globaldebatte durch gewagte Aperçus und paradoxe Pointen ein wenig aufzumischen, doch den anderen war nicht danach, und obwohl sie Broder nervös dazu drängten, seine Prognose, Schlesien werde bald wieder deutsch sein, zu erläutern, waren sie wohl ganz froh, daß es nicht dazu kam.

Die Idee eines politischen Quartetts mit ähnlichem Show-Wert wie das Vorbild im ZDF ist nicht übel, sollte aber vom literarischen mehr übernehmen als die Abwesenheit des Moderators und das ehrerbietig-stumme Saalpublikum. Die Runde darf nicht beliebig besetzt sein, die Leute müssen einander kennen, mögen und mißtrauen und die Bälle zuspielen. Es mag aber auch sein, daß ein politisches Quartett schon im vorhinein gegen das literarische verloren hat, weil das Leben (die Politik) nun mal ernst und nur die Kunst heiter ist. Genausowenig, wie man RR mit seinem charakteristischen Ungestüm über Bosnien-Herzegowina herfallen sehen möchte, will man das bekannte Klassenprimus-Feixen von Johannes Gross mit irgendeiner Art von (schöner) Literatur in Verbindung bringen müssen. So landen wir bei der betrüblichen Einsicht, daß wir in einer arbeitsteiligen Welt leben und der Schuster von seinem Leisten nicht loskommt. Barbara Sichtermann