Die Zigeuner begannen ihre Wanderung vor mehr als tausend Jahren in Indien. Ob das Volk der Dom damals seine Heimat im Punjab freiwillig verließ, um als Handwerker und Spielleute in Persien zu leben, oder ob sie von den muslimischen Eroberern Nordindiens als Sklaven verschleppt wurden, bleibt unbekannt. Der indische Stamm, aus dem später die Zigeuner hervorgingen, überlieferte seine Geschichte nur mündlich und wob kräftig mit an den Legenden um seine Herkunft. 1407 wurden die ersten fremden dunklen Menschen in Hildesheim zum ersten Mal in einer deutschen Chronik erwähnt. Einer der ihren, berichteten sie damals, habe einen Nagel für das Kreuz Christi geschmiedet. Deshalb zögen sie jetzt als Büßer umher.

Alle geschichtlichen Daten der Wanderung nach Westen basieren allein auf Zeugnissen der gadje, wie die Zigeuner die Einheimischen nennen, ein Synonym für Bauer. Um 850 nach Christus registriert ein Chronist in Byzanz die Fremden aus Indien. 1300 wird über sie aus Griechenland berichtet. In den folgenden 150 Jahren beschleunigt sich ihre Westwanderung. 1399 tauchen sie in Böhmen auf, 1414 in Basel. Anfang des 16. Jahrhunderts sind sie über ganz Europa verteilt, von Schweden bis Portugal, von Rumänien bis Schottland. Heute leben Zigeuner auch in beiden Teilen Amerikas und in Australien. Ihre Zahl wird weltweit auf sechs Millionen Menschen geschätzt. Lebensgewohnheiten und Sprache der Zigeuner sind über die Jahrhunderte weit auseinandergerissen worden. Im Gegensatz zum allgemeinen Vorurteil, nach dem alle Zigeuner gleich seien, veränderten sich die einzelnen Teile des Volkes abhängig davon, wo sie lebten. Auch ihren Namen erhielten sie erst unterwegs. Aus Dom wurde ein alttürkisches Rom (Mensch), daraus der heute übliche Eigenname der osteuropäischen Zigeuner, Roma.

Den zweiten Namen, Tsigan (Zigeuner), den die einen selber stolz tragen, die anderen als Schimpfwort ansehen, gaben ihnen die Byzantiner. Denn Atsiganoi war der Name einer kleinasiatischen Sekte: „die Unberührbaren“.

Die Wege des nordindischen Volksstammes trennten sich früh. Von Persien aus zog eine Gruppe über Armenien nördlich am Schwarzen Meer entlang in die Ukraine, eine andere nach Kleinasien und Griechenland, eine dritte schließlich über Nordafrika nach Spanien. Auf dem Balkan wurden Zigeuner bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts als Sklaven gehalten.

Wie Gewohnheiten und Religionen, so nahmen sie auch Wörter und Redewendungen auf. Im deutschen Sprachraum wurden die gewählten Vertreter der Sippen zum Beispiel Sprechern genannt, das Wort für den Inbegriff von Unreinem war hebamm. So wurde ihre Sprache, das Romanes, das einzige eigenständige Zeugnis ihres Lebens und ihrer Wanderungen.

Die ersten, vor Jahrhunderten in Deutschland eingewanderten Zigeuner gehörten den Manusch-Sinti an. Heute legen diese Sinti Wert auf den Unterschied zu den Roma, die erst mit späteren Wanderungswellen aus Osteuropa kamen. Eine allgemeine Organisation der Zigeuner hat es zumindest in ihrer europäischen Geschichte nie gegeben, dementsprechend auch keine verbindliche Regierungsgewalt, wiewohl immer wieder einzelne als „Fürsten“ oder „Könige“ auftraten. Grundlage der gesellschaftlichen Struktur sind bis heute die Großfamilie und die Sippe.

„Kinder von der Straße, Wäsche von der Leine“, dieser Ruf ging den Zigeunern voraus, wo immer sie erschienen. Unstet und unzuverlässig seien sie, das mache das Nomadenblut. Im Vorurteil wurde jedoch der Zwang hinter dem „freien“ Zigeunerleben übersehen. Mal wurde ihnen verboten, sich niederzulassen, dann wieder hielt man sie mit Gewalt, fest, um sie zu assimilieren. Kaiserin Maria Theresia zum Beispiel ordnete an, Zigeunerkinder von ansässigen Bauern adoptieren zu lassen. So kamen die Zigeuner zu ihrem Ruf, Kinder zu rauben: Sie holten die eigenen zurück.