Von Klaus Hartung

Fast klingt ein solcher Kommentar zu den Pogromnächten von Rostock hochfahrend: „Ich wäre noch genau einen Tag im Amt geblieben, um den Polizeipräsidenten abzusetzen. Und dann wäre ich zurückgetreten.“ Für die politische Klasse der alten Bundesrepublik wäre es ohnehin kaum vorstellbar, daß ein Innenminister die Amtsführung seines Kollegen, der noch dazu das gleiche Parteibuch hat, derart unverblümt abfertigt. Heinz Eggert, der 46jährige Innenminister von Sachsen, formuliert solche Sätze nachdenklich, mit leicht in sich gekehrtem Blick. Ein moralischer Rigorist prüft seine Prinzipien. Wenn er seine Tätigkeit als „ständigen Katastropheneinsatz“ beschreibt, schwingt auch eine besondere Auffassung von politischer Verantwortung mit: die Bereitschaft, das Amt auch bei jeder „Katastrophe“ zu riskieren.

Er jedenfalls hätte seine Polizisten nicht in „Hemd und Krawatte“ in die Schlacht gegen bewaffnete Skinheads geschickt. Nach den Krawallen von Hoyerswerda, die den vormaligen Landrat von Zittau erst ins Amt brachten, hat Eggert einen runden Tisch gegen die Gewalt angeregt und die Sonderkommission Rechtsextremismus ins Leben gerufen. „Wir kennen inzwischen die Namen und Verbindungen und können vorbeugend tätig werden.“ Er hat dafür gesorgt, daß in jeder Polizeidirektion eine Hundertschaft einsatzbereit ist, obwohl im Lande Sachsen 3000 Polizisten fehlen. Er hat private Wachdienste für Asylbewerberheime organisieren lassen.

Die Rhetorik von der „wehrhaften Demokratie“ hat er nicht nötig. Sie verträgt sich ohnehin nicht mit seinem prosaischen hanseatischen Temperament. Der gebürtige Rostocker kommt noch einmal auf die Ereignisse in seiner Heimatstadt zurück: ein Unding, die Aufnahmestelle in einem solchen Neubaugebiet einzurichten; wenn in Sachsen entsprechende Unterbringungsmöglichkeiten fehlten, würde er nicht zögern, „Liegenschaften des Bundes zu beschlagnahmen“.

Nun hat Heinz Eggert seine Kandidatur als Stellvertreter Kohls im Parteivorsitz der CDU angemeldet. Daß er damit das Personalkonzept des Kanzlers konterkariert, ist ihm allenfalls ein Achselzucken wert. Er betont fast mit Genugtuung, daß er keine Hausmacht hat und auch nicht haben will. Er hatte eigentlich erwartet, daß Kurt Biedenkopf kandidiert. Seinen Hut warf er in den Ring, weil er sich wieder einmal „geärgert“ hatte. Mit dem Satz – „Ich habe mich geärgert“ – begründet der Innenminister häufig seine Entscheidungen. Ärgerlich fand er es denn auch, daß es für vier Parteiämter nur vier Kandidaten geben sollte. „Und dann sollen tausend Delegierte anreisen und nur die Hand heben.“ Eggert, der Demokrat: eine ernst zu nehmende Kandidatur?

Auf jeden Fall ist er eine rare Gestalt in der politischen Szenerie: ein politischer Charakter (wenn man das pathetische Wort von der Zivilcourage vermeiden will). Seine Überzeugungen wurden durch Erfahrungen und große Not gehärtet. Er gehörte wie Wolfgang Thierse, den er gern näher kennenlernen würde, zu den DDR-Achtundsechzigern, für die das Ende des Prager Frühlings auch das Ende der Komplizenschaft mit dem Realsozialismus bedeutete.

Gegen den unbeugsamen Pfarrer in Oybin und Studentenpfarrer in Zittau organisierte die Stasi ein beispielloses Kesseltreiben. Seine Stasi-Akte offenbarte ihm später, mit welch pedantischer Grausamkeit sein Leben in die Psychiatrie gelenkt wurde. Daß er einen seiner Verfolger, den „behandelnden“ Chefarzt Reinhard Wolf, in dessen Wohnzimmer aufsuchte, um zu reden, war seinerzeit ein Medienereignis. Heinz Eggert hat dann doch das Gespräch abgestoßen, weil er nur auf jammernde Unterwürfigkeit, nicht aber auf Einsicht traf. Eggert meint es wörtlich: „Die Vereinigung hat mir das Leben gerettet.“ Als ihm kürzlich der Plan der Stasi-Internierungslager in die Hände fiel, mußte er feststellen, daß eines davon nur 150 Meter entfernt von seiner Wohnung vorgesehen war. Er hätte da ja zu Fuß hingehen können, sagte er kürzlich einem MfS-Mitarbeiter. Die Antwort: „Sie, Herr Eggert, wären nicht lebend angekommen.“