DESSAU. – Wenig erinnert heute im anhaltischen Dessau an die jüdische Gemeinde, die in der Geschichte des deutschen Judentums einen hohen Rang einnimmt. Hier wurde 1729 der große Philosoph der Aufklärung und geistige Vorkämpfer der jüdischen Emanzipation, Moses Mendelssohn, geboren. Hier stand bereits im Jahr 1799 eine der ersten modernen jüdischen Schulen Deutschlands: die sogenannte Franz-Schule, die der aufgeklärte Herzog Leopold Friedrich Franz finanziell förderte. Ihr erster Leiter, David Fränkel, veröffentlichte seit 1806 mit Sulamith (hebräisch: „die Friedfertige“) eine der ersten jüdischen Zeitschriften in deutscher Sprache.

Und hier schließlich lebte der Hofbankier Baron Moritz von Cohn. Vor hundert Jahren ließ er in Dessau Kaiser Wilhelm I. zum Gedächtnis ein Denkmal aufstellen, wohl das einzige von mehr als 370 Wilhelm-Statuen im Deutschen Reich, das von einem Juden finanziert wurde. Das freilich hatte mit der kaum bekannten engen Beziehung zwischen ihm und dem Hohenzollern zu tun.

Der Vater des Bankiers, Itzig Hirsch Cohn, stammte aus Wörlitz, wo er 1810 einen Schutzbrief erhalten hatte. In die Residenzstadt Dessau übergesiedelt, eröffnete er mit herzoglicher Genehmigung 1817 ein Leihhaus. Als erster Jude, dem gestattet war, außerhalb des Judenviertels zu wohnen, bezog er ein bescheidenes Haus in der Kavalierstraße, welches später den Stammsitz der Cohnschen Bank darstellte. 1839 führte Vater Cohn seinen 27jährigen Sohn Moritz als Kompagnon in die von ihm gegründete und verwaltete Dessauer Landessparkasse ein.

Dem jungen jüdischen Bankier fiel im Revolutionsjahr 1848 eine wichtige Rolle zu. Nach den blutigen März-Unruhen in Berlin war Kronprinz Wilhelm, der Bruder des Königs, bei der aufgebrachten Bevölkerung als „Kartätschenprinz“ in Verruf geraten. Studenten besetzten das Unter den Linden gelegene Kronprinzen-Palais und erklärten es zum „Volks-Eigenthum“. Der Prinz mußte aus der Hauptstadt fliehen; er und sein Adjutant Major Oelrichs wurden in der Kutsche des jüdischen Seidenwarenkaufmanns Julius W. Meyer inkognito nach Potsdam gefahren. Zur weiteren Flucht nach England fehlte dem Prinzen das Geld. In dieser prekären Verlegenheit bot sich der Dessauer Bankier Moritz Cohn mit seinen Diensten an. Der Herzog von Anhalt-Dessau vermittelte, Wilhelm akzeptierte und konnte sich an seinem 51. Geburtstag mit abrasiertem Bart über Hamburg nach England ins zweimonatige Exil absetzen.

Auch in den folgenden Jahren nahm der Prinz die Dienste des jüdischen Bankiers wegen anhaltender Geldnot gerne an. Aus diesem Kreditgeschäft entwickelte sich ein lebenslanges Vertrauensverhältnis zwischen Wilhelm und dem Dessauer Juden, der schließlich als Hofbankier das Privatvermögen des Königs und späteren Kaisers verwaltete und vermehrte.

Cohn tat es aus freien Stücken, auf allerhöchste Protektion war er nie angewiesen. Selbst in den unsicheren Jahren der Revolution hatte Cohn sein Kapital ungeschmälert dem Eisenbahnbau im Werratal, in Thüringen und Anhalt zur Verfügung gestellt. Leopold Friedrich, der Herzog von Anhalt-Dessau, ernannte 1850 den Commissions-Rath Moritz Cohn zu „Unserem Hof-Banquier“. Nachdem dieser die Anhalt-Dessauische Landesbank AG – 1847 als erste deutsche Aktienbank gegründet – vor dem Konkurs gerettet hatte, verlieh ihm der Landesherr 1863 als erstem Juden den anhaltischen Hausorden Albrechts des Bären.

Trotz der hohen Reputation hielt sich der kleine, dicke und photoscheue Bankier im Hintergrund. Auch in der Lebensführung blieb er ein bescheidener Dessauer Bürger und – was für reiche jüdische Bankiers seiner Generation nicht selbstverständlich war – gläubiger Jude. Anders als Bismarcks Finanzberater Gerson Bleichröder mied er politisches Engagement. Er schätzte mehr den persönlichen Umgang mit Wilhelm I., der ansonsten gegen Juden voreingenommen war.