Von Christoph Bertram

Seoul

Ist der Kalte Krieg nur in Europa vorbei, nicht aber in Ostasien?

Wenn Fachleute der Region zusammentreffen, wiegen sie bei dieser Frage sorgenvoll die Köpfe. Natürlich, die große Rivalität zwischen Ost und West ist vorüber. Die Sowjetunion ist implodiert, Rußland steht am Anfang langer Krisenjahrzehnte. Die Vereinigten Staaten dünnen ihre militärische Präsenz auch in Fernost aus.

Aber anders als in Europa gibt es in Ostasien noch immer "kommunistische Regime" – China und Nordkorea. Und neue Rivalitäten stehen an: China und Japan sind dabei, ihren Einfluß in der Region auszubauen, Korea rechnet sich bei einer Wiedervereinigung des geteilten Landes neues internationales Gewicht aus. Überall wachsen die Rüstungsausgaben und die -aufträge; Taiwan will demnächst 150 Jagdflugzeuge vom Typ F-16 aus Amerika beziehen. Inzwischen hat Asien den Nahen Osten als Eldorado der Waffenhändler abgelöst. Niemand hier, so scheint es, ist an einer Friedensdividende interessiert.

Wie in Europa hat auch in Ostasien der Fortfall des Ost-West-Konfliktrasters alte Unsicherheiten bloßgelegt und neue entstehen lassen. Das Augenmerk der nun einmal von Berufs wegen besorgten Strategen richtet sich dabei vor allem auf die drei dynamischsten Länder der Region: China, Japan und Korea.

In der Volksrepublik steht der Wachwechsel an der Spitze bevor. Deng Xiaoping, ohne den China den Spagat zwischen wirtschaftlicher Dezentralisierung und ideologischer Kontinuität kaum zuwege gebracht hätte, ist gerade 88 Jahre alt geworden. Obwohl er keine politischen Ämter mehr bekleidet, gibt sein Wort in Peking immer noch den Ausschlag. Ohne Deng wird sich nicht nur die Führungstruppe ändern; auch das Land selbst hat sich unter der Wucht des wirtschaftlichen Wandels grundlegend verändert. Mit der Reformpolitik seit 1978 schössen die Wachstumsraten in die Höhe – auf den Weltrekord von durchschnittlich fast zehn Prozent pro Jahr. Auch deshalb kann die Führung den lange vernachlässigten Streitkräften heute erhebliche Gelder zuschanzen, um ihnen regionale Einsätze zu Wasser und in der Luft zu ermöglichen. "China", sagt ein erfahrener asiatischer Beobachter, "wird im Umgang mit seinen Nachbarn selbst- und machtbewußter."