Von Theo Sommer

Sarajevo stand als Flammenzeichen am Anfang unseres Jahrhunderts und wirft nun seinen grausigen Feuerschein auch über dessen Ende. Wie der Mord von 1914 der Belle Époque ein Ende setzte, so hat das Morden von 1992 die nach dem Ende des Kalten Krieges emporkeimende Hoffnung auf eine schönere neue Welt zerstört.

Die Staatengemeinschaft verharrt in ratlosem Entsetzen. Vor einer massiven Intervention – einem blutigen Unternehmen ohne garantierte Erfolgsaussicht – scheut sie zurück. Zugleich aber schlägt ihr das schlechte Gewissen doch so stark, daß sie auch eine Linie des Nichtstuns und des schicksalsergebenen Sichabwendens nicht erträgt. Das Resultat ist eine Politik der Halbheiten, die alle Risiken des Eingreifens mit allen Nachteilen des Stillhaltens verbindet.

Da werden erst Wirtschaftssanktionen verhängt, doch niemand kann sie kontrollieren, geschweige denn durchsetzen. Dann werden humanitäre Hilfskampagnen eingeleitet, um den Eingeschlossenen von Sarajevo eine Chance des Überlebens zu eröffnen, aber die UN-Blauhelme müssen erleben, daß alle drei Bürgerkriegsparteien sie aufs Korn nehmen, ohne daß sie sich wehren können. Schließlich schleppen sich die diplomatischen Palaver unendlich hin, wobei weder die Europäische Gemeinschaft noch die Vereinten Nationen, noch neuerdings ihre gemeinsame Genfer Konferenz bisher etwas yermeldenswertes hat bewirken können – außer leeren Versprechungen, gebrochenen Waffenstillständen und enttäuschten Erwartungen.

Derweilen wird im zerfallenden Jugoslawien weiter gestorben. Die ethnischen Säuberungen dauern an, das Grauen und die Greuel: Lager, Massaker, Artillerie-Attacken, Raketenüberfälle und Bombenangriffe (die Belgrads Luftwaffe zum Teil unverfroren in der Deckung der UN-Hilfsflugzeuge fliegt). Auf unseren Fernsehschirmen sehen wir nur den Schrecken, der in Sarajevo wütet, aber die Anzeichen verdichten sich, daß es nicht nur in Gorazde genauso schlimm aussieht, sondern auch in Jafce, Gradačac, Bosanski Brod, Mostar und Bihac. Und noch immer ist die Gefahr nicht gebannt, daß die Auseinandersetzung auf den Kosovo übergreift und daraus ein allgemeiner Balkankrieg entsteht.

Die Vereinten Nationen entsenden jetzt weitere 6000 Mann nach Bosnien, zusätzlich zu den 1500 Blauhelmen, die bereits dort stehen (und zusätzlich zu den 14 000 Soldaten, die den Waffenstillstand in Kroatien überwachen). Ihr Auftrag bleibt freilich unklar. Im bosnischen Luftraum soll künftig ein Flugverbot für serbische Militärmaschinen herrschen. Allerdings ist keine Rede davon, sie. abzuschießen, wenn sie das Flugverbot verletzen – geschweige denn ihre Fliegerhorste zu zerstören, wenn sie Dörfer und Städte angreifen. Die "Kontrolle" der schweren Waffen aber? Sie bedeutet nur, daß jetzt UN-Soldaten daneben stehen, wenn die Geschütze feuern – und daß die Serben neue Panzer nach Bosnien schaffen. Doch der erste Schritt zur Eskalation ist getan.

Wenn die Bosnier Wale wären, schrieb unlängst ein amerikanischer Kommentator, wäre die Welt ihnen längst zu Hilfe geeilt. Aber es geht um mehr als eine Greenpeace-Kampagne: nämlich in letzter Konsequenz um Krieg. Krieg wofür? Wie lange – bis zu den ersten großen UN-Verlusten, dann Abzug? Oder Krieg um jeden Preis? Auf jede Dauer?

Früher wurden Kriege um Interessen geführt – siehe Sarajevo I. Heute drängen viele aus Gewissensgründen auf ein militärisches Eingreifen. Interessen gegen Gewissen – die Debatte darüber wird im Westen weitergehen. Es steht dahin, ob die bisherigen Halbheiten wirklich einen klugen Kompromiß darstellen. Fürs erste mögen sie taugen – als Mittelding zwischen totalem Wegschauen und totalem Dazwischenschlagen. Aber wie lange noch kann dies ausreichen? Wann muß entweder sehr viel mehr daraus werden – oder sehr viel weniger? Und werden die Völker der Welt die Kaltblütigkeit haben, notfalls das eine wie das andere zu ertragen: das Hineinschlittern in Sarajevo II oder auch das Wegsehen?