Treuhandanstalt: Arbeitsplatzgarantien werden nicht eingehalten, Preise nicht gezahlt, die Käufer bleiben aus

Von Ralf Neubauer

Birgit Breuel versucht – wieder einmal – den Eindruck zu erwecken, als sei eigentlich alles in bester Ordnung. Zwar stelle die wirtschaftliche Entwicklung in Europa auch die Treuhandanstalt und ihre Betriebe vor "schwierige neue Aufgaben". Immerhin seien aber bis heute mehr als 9000 Firmen und Unternehmensteile verkauft worden, und die "Gewinnung neuer Eigentümer" für das ehemals volkseigene Produktivvermögen schreite nach wie vor "zügig voran". Wenn es gelinge, das bisherige Privatisierungstempo zu halten, dann könne die Anstalt den Unternehmensverkauf bereits Ende kommenden Jahres weitgehend abschließen, frohlockt die Treuhandchefin.

In die gewohnt wohlfeile Formulierung mischen sich diesmal jedoch ungewohnt pessimistische Zwischentöne. Von den konjunkturellen Risiken und der Gefahr einer "Investitionslücke" in den verbliebenen rund 3800 Treuhandfirmen ist die Rede. Und immer wieder beschwört Birgit Breuel den zusammengebrochenen Export nach Osteuropa, der "insbesondere" Unternehmen, die als sanierungsfähig eingestuft seien, zu schaffen mache. Die Treuhand-Chefin kündigt denn auch eine großangelegte Investitionsoffensive an und vollzieht damit zumindest verbal einen deutlichen Kurswechsel.

Tatsächlich kann Breuels Schönrederei die prekäre Lage, in der sich die Treuhand gut zweieinhalb Jahre nach ihrer Gründung befindet, nur noch mühsam verschleiern. In Wirklichkeit stockt die Privatisierung längst. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, wann sich dieser Trend auch an den monatlichen Absatzzahlen der Anstalt ablesen läßt. Kilian Krieger, Berliner Geschäftsführer der britischen Unternehmensberatung Price Waterhouse, kennt das wahre Ausmaß der Misere: "Zur Zeit werden noch die Fälle abgearbeitet, die bereits seit Monaten in der Verhandlung sind. Neue Kaufinteressenten kommen dagegen kaum hinzu. Im Gegenteil. Angesichts der flauen Konjunktur bekommen immer mehr Investoren kalte Füße und springen ab." Krieger weiß, wovon er spricht. Seit gut zwei Jahren verkauft er im Auftrag der Treuhandanstalt Firmen und kann somit die sich häufenden Krisenzeichen sehr wohl deuten.

Auf der Zielgeraden droht der überzeugten Privatisiererin Birgit Breuel die Luft auszugehen. Sie sitzt noch auf Hunderten unverkäuflicher Großunternehmen, die die Industriestruktur im Osten prägen und mit denen es offenbar unaufhaltsam bergab geht: "Die bisherige Strategie der Treuhandanstalt läuft praktisch darauf hinaus, daß kaum ein Unternehmen richtig saniert wird", sagt Krieger.

Die wirtschaftliche Lage vieler Firmen, die bereits einen neuen Eigentümer gefunden haben, stellt sich indes nicht viel günstiger dar. In ihren Bilanzen hinterlassen die allgemeine Konjunkturschwäche und der weggebrochene Ostmarkt (siehe ZEIT Nr. 37/1992) ebenfalls tiefe Spuren. Folgen hat dies nicht zuletzt für die Treuhandanstalt. Bei ihr melden sich täglich neue Unternehmenskäufer, die vertraglich zugesagte Arbeitsplätze und Investitionen nicht einhalten oder vereinbarte Kaufpreise nicht zahlen können.