Von Heinz-Günter Kemmer

Optimismus verbreiten nur noch externe Analysten. Während das Lamento von Stahlunternehmen, Gewerkschaften und Landesregierungen immer lauter wird, versprechen sie der Branche eine Wende. Schon im Herbst – so prognostiziert das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen – werde der deutsche Stahlverbrauch anziehen und dafür sorgen, daß die Stahlproduktion 1993 um zwei bis drei Prozent steigt. Ahnlich zuversichtlich zeigt sich die Vereins- und Westbank in Hamburg. Sie geht von einem sinkenden Importdruck aus und stellt dem Branchenführer Thyssen eine glänzende Zukunft in Aussicht. Das Unternehmen könne im Geschäftsjahr 1992/93 den Gewinn je Aktien von 20 auf 27 Mark steigern.

Ganz im Gegensatz dazu spricht der hauptamtliche Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Ruprecht Vondran, von einer gefährlichen Lage für die Stahlindustrie in allen Ländern der Europäischen Gemeinschaft. Und Dieter Schulte, das für die Stahlindustrie zuständige Vorstandsmitglied der IG Metall, sieht allein in Westdeutschland mindestens 15 000 Arbeitsplätze gefährdet. So trafen sich denn auch Freitag vergangener Woche die zuständigen Minister aus den „Stahlländern“ Nordrhein-Westfalen, Saarland, Bremen, Niedersachsen und Brandenburg mit Vertretern von Unternehmen und Gewerkschaften zu einer „Krisensitzung“.

Die Teilnehmer forderten – ein Stereotyp, bei allen Stahlkrisen – faire Wettbewerbsbedingungen und öffentliche Hilfen für die Sozialpläne, die einen „sozialverträglichen“ Abbau der Beschäftigtenzahl ermöglichen sollen. Von Bundeswirtschaftsminister Jürgen Möllemann wird erwartet, daß er die europäischen Partner dazu bringt, die Regeln eines fairen Wettbewerbs, die der Montanvertrag bindend vorschreibt, wieder stärker zu beachten, als dies zuletzt der Fall war.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, die Industrie beurteile die Lage ihrer Branche zu sehr aus der Gegenwart heraus, die optimistischen Analysten dagegen hätten die weitere Sicht – aber so einfach ist es nicht. Denn auch dann, wenn die Stahlerzeugung wirklich in dem vorhergesagten Umfang wachsen sollte, wären nicht alle Probleme vom Tisch gewischt.

Auf keinen Fall würde ein leichter Anstieg der Produktion alle Gedanken über einen Belegschaftsabbau obsolet machen – den geplanten Kahlschlag könnte nur ein Boom verhindern. Und der ist nicht in Sicht. Im übrigen ist das, was sich derzeit in der Stahlindustrie tut, keine Mengensondern eine Preiskrise. Die Stahlproduktion der westlichen Industrienationen ist im ersten Halbjahr 1992 nur um 1,9 Prozent gesunken. Kummer machen dagegen die Preise, die tief in den Keller gefallen und auf einem Niveau angelangt sind, das man zuletzt vor zehn Jahren kannte.

Das ist freilich ein von den Stahlunternehmen selbstgeschaffenes Problem. Wenn die Mengen auch nur ein wenig bröckeln, geht sofort der Preiskampf los. Und die Stahlverbraucher spielen die Verkäufer der Stahlunternehmen wie eh und je geschickt gegeneinander aus – kleine Mengen zu niedrigen Preisen verderben so den ganzen Markt. In einer Branche, die von der Europäischen Kommission nicht unbedingt zu mehr Wettbewerb angehalten, sondern im Gegenteil zu mehr „Preisdisziplin“ aufgefordert wird, fehlt es natürlich nicht an Versuchen, die Preise nach oben zu bugsieren. So unternahmen die Firmenchefs der EG-Stahlerzeuger erst jüngst wieder einen Versuch, die Preise im Herbst wenigstens um bescheidene vierzig Mark je Tonne anzuheben. Aber das Bemühen scheiterte an einer Forderung der luxemburgischen Arbed, die für sich auch noch eine höhere Produktion forderte.