Das Monster von Frankfurt ist weniger kalt, als man annahm“, urteilte Le Monde am Tage der Zinssenkung durch die Deutsche Bundesbank. Die Begründung für das eigenwillige Kompliment: Die Währungshüter hätten aufgrund von politischem Druck, aber auch aus eigener Einsicht durch die Zurücknahme der Leitzinsen sechs Tage vor dem französischen Referendum die Chancen für die Annahme des Maastrichter Vertrages verbessern wollen.

Solche Interpretationen machen gegenwärtig die Runde. Die Autorität und Unabhängigkeit von Deutschlands angesehenster Institution gelten als lädiert. Auf der Pressekonferenz nach der Zentralbankratssitzung am Montag wurde Bundesbankpräsident Helmut Schlesinger gar gefragt, ob er nicht an Rücktritt gedacht habe. Beinahe verzweifelt bemühte er sich zusammen mit seinem Vize Hans Tietmeyer, die Zinssenkung als freiwillige Entscheidung der Notenbank zu erklären.

Doch der Kurswechsel kam zu rasch, um glatt über die Bühne zu gehen. Die Unsicherheit über seine Hintergründe kratzt nicht nur am Image der Bundesbank; man fragt sich auch, ob diese knappe, halb unfreiwillige Zinssenkung denn wirklich der Auftakt zu kräftigeren Abwärtsschritten vom Zinsgipfel ist, wie die lahmende Konjunktur in Europa sie braucht. Schlesinger sorgte bereits für Pessimismus: Aus binnenwirtschaftlichen Gründen hätte die Zinssenkung nicht nahegelegen, und: „Es gibt keinen Spielraum für mehr.“

Noch vor zehn Tagen hatte Schlesinger nach dem Treffen der EG-Finanzminister im englischen Bath erklärt, von den hohen Zinsen könne nicht abgegangen werden, Voraussetzung dafür seien ein „verträgliches Wachstum der Geldmenge sowie eine niedrigere Preissteigerungsrate“. Die geballte Kritik der EG-Finanzminister ließ Schlesinger an sich ablaufen, als sei es das Quengeln ungezogener Kinder.

Keinerlei Wirkung zeigte auch die immer stärker werdende Kritik im Inland. Längst nicht mehr nur die Gewerkschaften, sondern auch Stützen des Geldgewerbes wie die Deutsche Bank und Forschungsinstitute wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung rechneten der Bundesbank vor, daß ihre Restriktionspolitik verfehlt und überzogen sei. Sogar im Zentralbankrat gab es schüchterne Stimmen, die ein Überdenken forderten: Die Geldpolitik sei nur schwer zu begründen und werde auch schlecht dargestellt.

Seit der Korrektur schien das kalte Ungeheuer von Frankfurt manchem Kritiker nur noch als zahnloses Krümelmonster: Wer sollte noch glauben, die Bundesbank sei über alle politischen Pressionen erhaben und verfolge unbeirrbar das Stabilitätsziel, wenn sie ihren Beteuerungen, die Zinsen könnten nicht gesenkt werden, so offensichtlich zuwiderhandelt?

Zum Ansehensverlust trug die Ankündigung der Zinssenkung vieles bei: Da strahlte ein gutgelaunter Bundesfinanzminister Theo Waigel vom Wirtshaustisch in die Kamera und kommentierte vorab die erst für den nächsten Tag vorgesehene Zinssenkung der Bundesbank – ganz so, als sei die Notenbank über Nacht zu einer Unterabteilung seines Ministeriums mutiert. Ein Mitglied des Zentralbankrates (ZBA): „Uns ist das Blut in den Adern gefroren. Dieser Auftritt war völlig überflüssig und nicht hilfreich. Das sah wirklich so aus, als hätten wir dem Druck der Politik nachgegeben.“ Prompt erhoben sich auf der Sitzung des Zentralbankrates am Montag Stimmen, die meinten, nun könne man die Zinsen doch nicht senken. Der Bundesbanker warnend: „Noch mal würde das nicht gutgehen.“