Von Sabine Rückert und Michael Schwelien

Nachdem der Mob die Unterkünfte der Zigeuner abgefackelt hatte, wurden die Reste des verkohlten Holzes und der Gemäuer geschleift. Keine Spur mehr davon, daß hier einst fahrendes Volk lebte.

Rostock? Nein, Bolintin, ein Straßendorf in der Donauebene nahe der rumänischen Hauptstadt Bukarest. „Wenn Sie in Rostock Probleme mit dem Gesindel haben, holen Sie nur uns“, wirft sich Bürgermeister Mircea Obiale in die Brust, „die Leute aus Bolintin kommen. Sagt einfach nur Bolintin, dann hauen sie ab. Wir wissen, wie man mit den Zigeunern umspringt.“ Umgangsformen in Rumänien.

Wie so oft ging dem Pogrom ein Verbrechen voraus. Zu Ostern vergangenen Jahres, in der Nacht des 6. April 1991, durchschnitt ein betrunkener Zigeuner dem Studenten Cristian Melinte die Kehle. Der junge Autobesitzer hatte sich geweigert, den Rom nach Bukarest zu fahren. Tags darauf heulte gegen 10 Uhr die Dorfsirene. Vor dem Haus des Vaters des Ermordeten zogen die ersten auf. Gegen 11 Uhr waren sie auf eine Meute knüppelschwingender Bauern angewachsen. „Worauf wartet ihr, los!“ feuerte der Bürgermeister die Rächer an, und der Priester stand, dem Haß huldigend, neben ihm. Als die Sonne sank, glommen nur noch die Feuer von 22 angezündeten Häusern und drei Autos. Fünf weitere Häuser hatte das erzürnte Volk von Bolintin mit der schieren Kraft von Knüppeln und Äxten kalt zerstört. Die Zigeunersippen hausten fortan in einem Rohbau. Als sie einen Monat später, am 7. Mai, versuchten, jene fünf nicht von den Flammen verschlungenen Ruinen wieder herzurichten, ging erneut die Sirene. Diesmal griffen Polizisten aus der Hauptstadt ein, luden die Zigeuner unter den Augen des Mobs in Transportfahrzeuge und brachten sie nach Bukarest.–

Vertuschung, gar Schuldgefühle ein gutes Jahr danach? Bürgermeister Obiale führt durch den Obstgarten mit den Reben voller roter Trauben in sein schmuckes, ockerfarbenes Haus. Im Wohnzimmer ein Hauch von Mottenkugeln, auf dem Tisch ein Spitzendeckchen. Seine Frau pflückt Tomaten, holt frischen Käse, Kaffee und Aprikosenschnaps aus der Küche. Im Glasschrank steht das Geschirr für die Festtage, unter der Anrichte, noch unausgepackt, ein Videorecorder. Bauernwohlstand und Bauernliebe: das blondgelockte Mädchen, das auf den Knien des dunkelhaarigen Mannes turnt, ist sein Adoptivkind.

„Alle sind willkommen in unserem Haus, Deutsche, Ungarn, alle“, lächelt er ohne eine Spur von Falsch, „nur Zigeuner nicht.“ Mit ihren Messern hätten sie die Leute bedroht. Und reich seien sie dank ihrer Diebereien und Erpressungen gewesen: Kappen aus Schaffell, Jeans, Lederjacken – alles geklaut. „Es war der nackte Tenor, jetzt aber herrscht hier Ruhe, eine andere Welt.“

Als Bürgermeister befugt, nach den Quellen des unerklärbaren Reichtums zu fahnden, sah er ihre Arbeitsbücher ein und fand angeblich keine Belege, daß sie ihr Geld ehrlich verdient hätten. „Zu Ostern dieses Jahres kamen sie wieder, da haben wir sie alle gleich noch einmal blau geschlagen.“ Der Bürgermeister weiß, wie das Zigeunerproblem zu lösen ist. „Pfercht sie alle in ein Konzentrationslager, am besten im Urwald, damit die Schlangen sie fressen.“