Von Manfred Sack

Nicht einmal in Hamburg, wo er doch alle seine schönen, prägnanten, menschenfreundlichen Gebäude errichtete, hat man ihn und seine Häuser in Erinnerung behalten – und nicht wenige verrotten lassen, umgebaut, verändert, oft genug entstellt, wenn nicht abgerissen. Karl Schneider? Ein Unbekannter, der einmal so berühmt war wie die Heroen der Klassischen Moderne, deren Namen heutzutage jedermann im Munde führt, wie Gropius, Mies van der Rohe, wie Aalto, Oud, Neutra oder – noch so ein Vergessener – Rudolf Schindler. Hätte ihn nicht die Freie Akademie der Künste zu Hamburg mit drei originellen Vorträgen geehrt, wäre sein hundertster Geburtstag am 15. Mai dieses Jahres nicht pünktlich gefeiert worden. Denn die große Ausstellung, an die seit zehn Jahren gedacht wurde, ist mit monatelanger Verspätung jetzt erst im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe eröffnet worden – eine schöne, sich gleichermaßen an Kopf und Sinne wendende Bekanntschafts-Bemühung mit zwei Dutzend hingebungsvoll (nach-)gebauten Modellen, oft wunderbaren zeitgenössischen Photographien, mit Plänen und Skizzen, Zeichnungen und Aquarellen: kein Reservat für Experten, sondern eine Schau für jedermann. Und natürlich stellt sich ganz von selber die Frage, wie dieser Architekt so hatte in Vergessenheit geraten können.

Denn daß er einst zu den Großen gezählt wurde, beweise, wie der Kunsthistoriker Roland Jaeger im Katalog berichtet, die zeitgenössische Literatur, in der er gefeiert worden ist. Der erste den es getrieben hatte, das außerordentliche Talent "zur Kenntnis der Öffentlichkeit zu bringen", war Mitte der zwanziger Jahre sein bis heute interessantester Monograph, der damals in Düsseldorf lehrende Professor der Baukunst Heinrich de Fries. Sein Buch "Karl Schneider – Bauten" von 1929 ist immer noch eine aufschlußreiche Quelle.

Der letzte unter den Freunden, der ihn besungen hat, war der Baurat Richard Tüngel, damals, wie zu lesen, das Enfant terrible in der Behörde des Hamburger Oberbaudirektors Fritz Schumacher, später Mitbegründer und erster Chefredakteur der ZEIT. Schneiders Werk, schrieb er in seinem Nachruf am 7. März 1946, müsse "ein Vorbild werden für die junge Generation deutscher Architekten". Denn "aus diesem Geist der Klarheit, der Harmonie der Maße, die der Musik so verwandt ist – er liebte sie fast so sehr wie seine Arbeit –, aus diesem Geist könnte eine zerschlagene und weglose Jugend den Mut finden zu dem Aufbau eines besseren Deutschlands".

Jedoch, Karl Schneider war seit seiner Emigration in die USA 1937 ein Unbekannter. Alle seine Zeichnungen, seine Bücher hatte er bei Tüngel deponiert, alles ist im Krieg verbrannt. "Ich kann", notierte er, "in diesem Land nicht länger leben, es ist zu entsetzlich." Man hatte ihn seiner Architektur wegen als "Kulturbolschewisten" angeschwärzt, vorher schon hatte ihn der Hamburger Senat schlecht behandelt und dann als Professor entlassen. Amerika jedoch nahm keine Notiz von ihm – verweht die Aura des Avantgardisten, rätselhaft welk der junge Lorbeer.

Dabei hatte er 1932 wie selbstverständlich zur kleinen Schar der vierzig europäischen Modernen gehört, die Philip Johnson und Alfred Hitchcock in ihrer epochalen, im Frühling dieses Jahres am alten Ort wiederholten Ausstellung "Der Internationale Stil" im Museum of Modern Art zu New York versammelt hatten. Dabei hat keine der wichtigen Publikationen, kein interessanter Autor der Zeit seinen Namen ausgelassen. Dabei flocht ihm 1938, kurz nach seiner Emigration, Lewis Mumford den feinsten Lorbeerkranz. "Karl Schneider", schrieb er, "hat die Bedürfnisse der Nutzer vor Augen. Seine Gebäude sind nicht allein zum Betrachten geschaffen, sondern um darin zu arbeiten und zu leben. Er liebt es, die Landschaft für das Auge des Hausbewohners zu öffnen; und in jedem Detail seiner Konstruktion sind Raffinement und Grazie, der frische offene Rhythmus, die taktvolle Verwendung von Farbe und Material, was insgesamt die besten modernen Werke von spröden Nützlichkeits-Konstruktionen unterscheidet." Amerika tue hinfort gut, "solche architektonische Fähigkeit, so humane Formen" zu erkennen und den Baukünstler willkommen zu heißen.

Amerika aber war kein bißchen darauf erpicht zu erfahren, wie der zurückhaltende Gast aus Hamburg "die Struktur des modernen Lebens in wahrhaft lebendige Hausstrukturen transformiert". Er hielt sich mühsam über Wasser, baute irgendwo irgendwem ein Haus, projektierte als Angestellter Kaufhäuser für die Firma Sears, entwarf für sie Bohrmaschinen, Drechselbänke und Hammerköpfe, Doppelmaul-Schraubenschlüssel und Dunkelkammergeräte, Gartenliegen, Zickzack-Scheren, Wasserkessel, Spielzeug und so weiter: Industriedesign. Mit seinem Tode im Dezember 1945 in Chicago verschwand er, Tüngels Beschwörung zum Trotz, aus der Erinnerung. Er war so tot, daß das von den Erben um Hilfe gerufene Denkmalschutzamt keinen Anlaß sah, sich für eines der beiden bedeutendsten Landhäuser Schneiders in Hamburg, das Haus Römer, stark zu machen. Es hatte gegen den Abriß nichts einzuwenden.