Von Carl D. Goerdeler

Die Siegerpose wollte Alberto Fujimori im Fernsehen nicht einnehmen. Und doch fühlt sich Perus Präsident, den sie wegen seiner asiatischen Abstammung den „kleinen Chinesen“ nennen, jetzt ganz groß. Seiner Polizei war es am vergangenen Samstag gelungen, Perus Staatsfeind Nummer eins zu fassen: Abimael Guzmän, den Führer der maoistischen Guerillabewegung Sendero Luminoso – Leuchtender Pfad. Wenn Fujimori auch Gesten des Triumphs sorgfältig vermeidet, nutzt er diesen Erfolg doch zur nachträglichen Rechtfertigung seiner Politik der harten Hand. „Um die Subversion zu bekämpfen“, hatte er in einem „kalten Putsch“ das Parlament aufgelöst, die Verfassung übergangen und sich vom frei gewählten Präsidenten zum Diktator gewandelt.

Grauer Vollbart, untersetzte Gestalt und ein Schild um den Hals mit der Gefangenennummer 1509 – so wurde Abimael Guzmán, der Drahtzieher und das Gehirn der fanatischsten Guerillabewegung Lateinamerikas, dem Fernsehen präsentiert. Ausgerechnet im Saal einer Tanzschule in der Hauptstadt Lima waren er und sechs seiner Kumpanen der Polizei in die Fänge geraten. Dort, in der Villa einer Ballerina, die aus einer der besten Familien Limas stammt, hatte sich heimlich eine Zelle jener Terrorgruppe getroffen, die seit über zehn Jahren dieses Andenland in Angst und Schrecken versetzt. Geht dieser Krieg mit der Verhaftung von Abimael Guzmán nun zu Ende?

Dem Leuchtenden Pfad fielen binnen zwölf Jahren mehr als 26 000 Menschen zum Opfer. „Ströme von Blut“ müßten fließen, hatte Abimael Guzmän gepredigt, bis in Peru der Stäat zusammenbreche und die Revolution über die „Lakaien des Imperialismus“ siege. Gemäß den Lehren von Mao, Ho Chi Minh und Giap müsse der „Volkskrieg“ vom Land in die Städte getragen werden. Guzmän fand und findet dafür Gehör – vor allem unter Studenten und Indios. Und er konnte militärische Erfolge verbuchen. Ganze Landstücke kontrolliert der Leuchtende Pfad inzwischen. Erst vor einem Jahr ließ Guzmán verkünden, daß der Sendero nun das „strategische Gleichgewicht“ mit Armee und Polizei erreicht habe; die Hauptstadt Lima werde nun durch einen „eisernen Ring“ erdrosselt.

Anfang der sechziger Jahre kam Abimael Guzmän Reynoso als junger Doktorand an die Universität von Ayacucho; in Lima wollte ihn keiner haben. Seine Arbeit über „Immanuel Kant und den Begriff des Raumes“ war wenig originell, enthielt kaum Ideen. Aber an der Universidad Nacional de San Cristobäl de Huamanga im Provinznest Ayacucho galten Lehrer noch etwas: der gedeckte Anzug, die Brille, das Buch, alles vermittelte Autorität. So trat auch Abimael vor Studenten und Schüler, die gläubig an den Lippen ihres Meisters hingen.

Von einer Reise nach China brachte Abimael Guzmän Maos gesammelte Werke zurück. Und er zeigte sich tief beeindruckt von der Kulturrevolution. Das war Ende der sechziger Jahre, als im kalifornischen Berkeley und in Berlin die Studenten gegen den Krieg in Vietnam protestierten. Das Portrait von Che Guevara hing wie ein Heiligenbild in vielen Studentenzimmern – auch im peruanischen Provinznest Ayacucho, wo man mindestens so radikal wie an der Pariser Universität Sorbonne sein wollte. Abimael Guzmán agitierte in diesen turbulenten Jahren für die „wissenschaftliche“ Orthodoxie der chinesischen Linie und wetterte gegen die „Spalter“. Seine Anhänger schockierten erstmals, als sie streunende Hunde töteten und die Kadaver stellvertretend für Verräter und „Lakaien des Kapitalismus“ an Laternenmasten aufhängten.

So wie der „große Steuermann“ Mao Tse-tung wollte Abimael Guzmán seither allein der Weltrevolution dienen; er tauchte ab in den Untergrund und hieß fortan „Präsident Gonzalo“. Seine Gruppe taufte sich „Kommunistische Partei Perus über den leuchtenden Pfad Mariäteguis“. Der marxistische Philosoph und Autor José Mariäteguis, von vielen zum peruanischen Trotzkij stilisiert, hatte in den zwanziger Jahren die sozialen Verhältnisse in Peru analysiert und in radikale Forderungen umgemünzt.