BERLIN - Er sei ein Grenzfall, steht in den Medien.

Der Fall Stolpe oder Stolpes Fall? Daran scheiden sich Deutschlands kritische Geister. Niemand würde mit einer solch zwielichtigen Biographie, mit soviel Ungereimtheiten eine Anstellung im öffentlichen Dienst der neuen Bundesländer finden.

In Brandenburg hingegen hat sich ein aus Parteiinteresse und allgemeiner Stimmungslage gemischter Regierungssessel Haftkleber entwickelt. Nicht die Ampelkoalition steht in Frage — wohl aber deren Führungsperson.

Kein Zweifel, Manfred Stolpe ist ein politisches Talent. Er besitzt Format, Ausstrahlung und ist diesmal im wahren Sinne des Wortes geschickt. Es ist ihm gelungen, das Volkslied anzustimmen: "Wer mich angreift, meint euch Worauf im Chor erklingt: "Laßt ihn und uns in Ruhe "

Im gebeutelten Osten ist die Personaldecke dünn geworden, erregt jeder weitere Westimport Mißfallen. Beängstigend schnell ist deswegen die Bereitschaft gewachsen, im Bedarfsfall den Begriff "integer"

im Fragebogen zu streichen. Selbst eine überraschend aufgetauchte und verschämt verschwiegene "Verdienstmedaille der DDR" wird so zur Lappalie, zum Allerweltsorden. Was war schon dabei — sind wir nicht alle Aktivisten im großen Kollektiv der sozialistischen Arbeit gewesen?

Auch wenn die Wahrheit immer weniger Anklang findet: Ich sage nein. Es gab in der DDR zahllose, leider noch viel zuwenig bekannte Beispiele für Zivilcourage, Verweigerung und Widerstand. Wenn das verwischt wird, haben wir schon heute das Ende des so nötigen Prozesses von Differenzierung und fred Stolpe im Amt bleibt, dann sollten wir aufhören, die Entlassung von Stasi Zuträgern zu fordern. Dann haben auch alle Pionierleiterinnen, Staatsbürgerkundelehrer, Betriebsleiter und Funktionäre berechtigte Chancen, dort zu bleiben, wo sie früher schon waren.