KATLENBURG. – Zehnmal schlägt die Glocke oben im Turm, der Gottesdienst ist zu Ende. Die zwanzig oder dreißig Besucher, ältere Leute aus dem Dorf zumeist, schieben sich gemächlich aus der Pforte, halten hier und da noch einen Klönschnack. Ein gewöhnlicher Sonntagmorgen im südniedersächsischen Katlenburg – bis vor kurzem jedenfalls.

Vor einem Jahr noch hätte Pastor Martin Weskott von der St.-Johannis-Kirche für den Rest des Tages frei gehabt, um sich der Familie oder den Obstbäumen in seinem Garten zu widmen. Inzwischen aber geht die Arbeit für den Pfarrer nach dem Gottesdienst weiter. Rasch vertauscht Weskott den Talar mit bequemer Freizeitkleidung, wuchtet aufklappbare Tische und einige Dutzend Kartons aus dem Gemeindehaus und beginnt mit dem Auspacken. Romane von Tolstoj und Dostojewskij legt er neben Erzählungen von Arnold Zweig und Heinrich Mann, dahinter die Gedichtbände lateinamerikanischer Autoren wie Ernesto Cardenal und Eduardo Galeano. Auf einem anderen Tisch werden Sach- und Bilderbücher gestapelt, auf einen dritten kommen Reiseführer, Landkarten und volkskundliche Nachschlagewerke.

Die meisten Bände sind in tadellosem Zustand, einige noch in Plastikfolien eingeschweißt oder, in Partien von zehn Exemplaren, mit den Papierbanderolen der Buchbindereien versehen. Trotzdem handelt es sich nicht um Neuerscheinungen. Die Bücher, ausnahmslos Produktionen ehemaliger DDR-Verlage, stammen von Müllkippen in Sachsen und Thüringen, weggeworfen in den politischen Wirren von Wende und Wiedervereinigung. Dort, auf Abfallhalden, in dunklen Lagerschuppen und aufgegebenen Antiquariaten, haben Weskott und einige Mitarbeiter aus der Katlenburger Kirchengemeinde die Literatur vor der Vernichtung durch Schredder und Reißwolf gerettet. Mehr als 80 000 Bücher hat der Pastor schon abgeholt, einmal im Monat geht er mit dem Lastwagen des örtlichen Getränkegroßhändlers auf Tour. Inzwischen ist jeder Raum, jedes Regal im Pfarrhaus mit Bücherkisten vollgepackt.

Mit einem kleinen Photo in einer Tageszeitung, versteckt in der Rubrik "Vermischtes", fing alles an. Ein Kollege, erinnert sich Weskott, habe ihm das Bild vom Plottendorfer Bücherfriedhof zugeschickt und ihn auf die Sache aufmerksam gemacht. Das war im Sommer vergangenen Jahres. "Ungläubig und erregt" seien er und zwei Freunde aus der Kirchengemeinde dann selbst nach Sachsen gefahren. Plottendorf ist ein kleines Nest in der Nähe von Leipzig, mit grauen Häusern und kopfsteingepflasterten Straßen. In den Fenstern hängt die Nachwendereklame für Westzigaretten und Kaffee. Am Ortsrand, direkt hinter den Eisenbahnschienen, liegt eine aufgegebene Ziegelei, noch weiter dahinter eine Müllkippe. Durch ein Loch im Maschendrahtzaun krochen die Katlenburger auf den Lagerplatz und starrten entsetzt auf Zehntausende halbverschimmelter Bücher.

Das Gelände in Plottendorf gehörte damals der "Sekundärrohstoffversorgung", kurz SERO, einem früher volkseigenen Betrieb, der für die Entsorgung und Deponierung von Schrott, Glas und Altpapier zuständig war. In Plottendorf mußte die SERO, mittlerweile längst von der Treuhandanstalt abgewickelt, vor allem die von Speditionen angelieferten Bücher auf der Müllkippe Zwischenlagern und anschließend vernichten. Woher die Bände kamen, wer den Auftrag zu ihrer Vernichtung gab und vor allem warum – das wußten die SERO-Leute damals nicht.

Den Gründen für die "Entrümpelung der Kultur", wie er den Vorgang nennt, kam Pastor Weskott erst nach und nach auf die Spur. Bis zur Währungsunion im Juli 1990 hatte die Leipziger Kommissionsgesellschaft (LKG) in der DDR das Monopol als Auslieferungs- und Lagerfirma für den staatlich gesteuerten Buchhandel besessen. In den Hallen und Kellern des Unternehmens in Leipzig stapelten sich die oft hohen Auflagen der rund 6000 Buchtitel, die jedes Jahr im Land produziert werden durften oder mußten.

Nach der Wiedervereinigung waren diese Bücher trotz niedriger Preise nicht mehr verkäuflich. Die meisten Buchhandlungen öffneten nicht einmal mehr die Pakete, die von den ostdeutschen Verlagen zugestellt wurden, oft gingen die Sendungen verschlossen an die Absender zurück. Konjunktur hatten in der zerfallenden DDR ausschließlich Bücher aus dem Westen. "Unabhängig von Preis und Qualität", wie Karl-Klaus Raabe vom Göttinger Lamuv-Verlag betont. "Wir konnten damals in Ostdeutschland Bücher absetzen, die hier nur noch auf dem Ramschtisch oder beim Altpapierhändler gelandet wären."