Von Heinz Halm

Unmittelbar nach der Oktoberrevolution 1917 publizierte Lenin mit Eklat zwei Geheimabkommen der europäischen Großmächte, die er in den Archiven des Zaren gefunden hatte: In der Konvention von St. Petersburg hatten Rußland und Großbritannien im August 1907 den Iran in Interessensphären aufgeteilt – ohne den Schah zu fragen, natürlich. Und im Mai 1916 hatten sich der britische Orient-Sachverständige, Sykes, und der französische Generalkonsul in Beirut, Picot, über die künftige Aufteilung des Vorderen Orients in französische und britische Einflußzonen verständigt; dabei sollte dem Zaren das christliche Armenien und – ein alter russischer Traum – Konstantinopel und die Herrschaft über die Meerengen zufallen.

Die Publikation dieser Geheimabkommen, von denen sich Lenin demonstrativ distanzierte, löste im Vorderen Orient einen Schock aus; vor allem die britische Außenpolitik geriet ins Zwielicht, zumal die Briten im Ersten Weltkrieg die Araber unter Führung des Scherifen von Mekka, al-Husain, zum Aufstand gegen den türkischen Sultan gedrängt hatten – mit dem vagen Versprechen, nach der Zerschlagung des Osmanischen Reiches einen arabischen Nationalstaat zwischen Tigris und Suezkanal zu errichten. Hinzu kam im November 1917 die Zusage des britischen Außenministers Balfour an den Zionisten-Führer Lord Rothschild, den Juden in Palästina eine "Heimstätte" zu schaffen. In San Remo präzisierten die Weltkriegs-Alliierten im April 1920 ihre Pläne, die der Völkerbund 1922 absegnete, indem er den Franzosen Syrien und den Libanon und den Briten den Irak, Transjordanien und Palästina als Mandat übertrug; damit war die Zerstückelung des Vorderen Orients auf Dauer vollzogen.

Die St. Petersburger Konvention, das Sykes-Picot-Abkommen und die Balfour-Deklaration sind der Dreh- und Angelpunkt von Hans Bräkers detailreichem und informativem Buch, einer ernüchternden Bestandsaufnahme der westlichen Nahostpolitik seit Bonapartes Ägypten-Expedition von 1798. Das Buch hält eine vernünftige Mitte zwischen den wissenschaftlichen Wälzern, die meist nur von Wissenschaftlern gelesen werden, und jenen schnellfingrig betexteten Bilderbüchern über den Vorderen Orient und den Islam, die bei jeder Nahostkrise auf den deutschen Büchermarkt geworfen werden. Bräkers "Bilanz", ein Sachbuch im besten Sinne, zeigt – wie der Untertitel andeutet –, daß es die Interessen der europäischen Großmächte waren, die den Nahen Osten erst zu jener Krisenregion gemacht haben, die bis heute nicht zur Ruhe gekommen ist.

Ohne tiefere Kenntnis von Religion und Kultur der islamischen Welt, ohne Rücksicht auf die dort seit Beginn des 19. Jahrhunderts in Gang gekommenen Erneuerungs- und Modernisierungsbestrebungen haben Briten, Franzosen und Russen ihre machtpolitischen Ziele durchzusetzen gesucht. Die Zäsur des Zweiten Weltkriegs brachte keine Änderung: Die Sowjetunion setzte – trotz gegenteiliger Beteuerungen – die Politik der Zaren fort, und als das vom Krieg erschöpfte Großbritannien als Großmacht abdankte und 1948 sein Völkerbundsmandat über Palästina an die Uno zurückgab, traten die amerikanischen Interessen an die Stelle der britischen – mit ebenso verheerendem Ergebnis.

Bräker geht mit den USA hart ins Gericht: Ihrer Politik habe es "an Sinn und Gefühl für gewachsene politisch-geistige Strukturverhältnisse im Nahen und Mittleren Osten völlig fehlen" lassen und damit zwangsläufig scheitern müssen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hatten die USA in der nahöstlichen Region zunächst nur – damals begrenzte – Ölinteressen in Kuwait, doch schon in den fünfziger Jahren suchten sie ihre Politik der "Eindämmung" (containment) der von der Sowjetunion ausgehenden kommunistischen Expansion auch im Nahen Osten durchzusetzen: Der Bagdad-Pakt von 1955 sollte die Lücke zwischen der Nato im Westen und der Seato in Südostasien schließen und die "nördliche Reihe" (Northern Tier) der islamischen Staaten – Türkei, Irak, Iran und Pakistan – dauerhaft den Interessen Großbritanniens und der USA zu unterwerfen. Bräker sieht darin "die bis dahin folgenreichste Fehlleistung der amerikanischen Politik im islamischen Orient": Die ausschließliche Konzentration auf die containment-Politik habe die Amerikaner blind für die berechtigten Eigeninteressen und Bedürfnisse der nahöstlichen Völker und Staaten gemacht und die revolutionären Regime in Ägypten, Syrien und dem Irak der Sowjetunion geradezu in die Arme getrieben. Das Zerbrechen des Bagdad- (später Cento-)Paktes machte das Scheitern der amerikanischen Nahostpolitik augenfällig; die Amerikaner wurden zur bestgehaßten Nation in der ganzen Region.

Dem Islam im Kaukasus und in Zentralasien und der russischen beziehungsweise sowjetischen Asienpolitik widmet Bräker – als Ostexperte langjähriger Mit- und Zuarbeiter des Auswärtigen Amtes – einen großen Teil seines Buches. In einer Fußnote weist er zwar darauf hin, daß alle Beobachter im Grunde auf sowjetisch gefilterte Informationen angwiesen sind; er selber entgeht der von ihm aufgezeigten Gefahr aber nicht immer. Wenn er etwa den für die Muslime der ehemaligen UdSSR in der Tat sehr bedeutsamen Sufismus, den mystischen "Volksislam" der Derwisch-Orden (tariqat), als "die gefährlichste, die militante Speerspitze" und als "das eigentlich gefährliche Potential des Islam-Widerstandes gegen Moskau" bezeichnet, so übernimmt er ein sowjetisches Klischee; die Sowjetmacht hat das Phänomen des Sufismus, das sich stets der Institutionalisierung und damit der Kontrolle entzog, schon allein aus diesem Grunde als "gefährlich" angesehen.