Jetzt ist die Bundesbank endlich über ihren eigenen Schatten gesprungen – und schon steht sie wieder am Pranger. Der überraschende Beschluß, die hohen Leitzinsen zu senken, sei eine Kapitulation vor den Politikern, heißt es. Dabei haben die Frankfurter Zentralbanker das einzig Richtige getan: Sie haben das Europäische Währungssystem vor dem Zusammenbruch bewahrt.

Die rücksichtslose deutsche Geldpolitik war zu einer untragbaren Last für Europa geworden. Durch den Währungsverbund waren England, Frankreich, Italien und andere Partnerstaaten gezwungen, gegen ihren Willen die Hochzinspolitik der Bundesbank mitzumachen. Dabei brauchen diese Länder dringend billiges Geld für ihren Kampf gegen Rezession und Arbeitslosigkeit.

Auch der einheimischen Wirtschaft tut das Signal aus Frankfurt gut. Die teuren Kredite bremsen das wirtschaftliche Wachstum im Westen und den Aufbau im Osten. Zwar kann noch nicht von einer endgültigen Zinswende gesprochen werden. Aber die Gewißheit, daß die Zinsen in absehbarer Zeit nicht wieder angehoben werden, bringt Ruhe in den Markt.

Die Bundesbank hat offenbar dazugelernt. Erst vor zwei Monaten schraubte sie ihre Leitzinsen auf ein Rekordhoch und löste damit in der Bundesrepublik wie im Ausland einen Sturm der Kritik aus. Dennoch drohte sie noch mit weiteren Erhöhungen. Die Rücknahme der Zinsen ist jetzt das öffentliche Eingeständnis, daß die damalige Erhöhung und das Festhalten an einem viel zu ehrgeizigen Geldmengenziel ein Fehler war. Selbst Bundesbankpräsident Helmut Schlesinger gibt heute in erfrischender Offenherzigkeit zu, daß es unmöglich ist, in diesem Jahr, wie ursprünglich angepeilt, den Geldmengenzuwachs auf maximal 5,5 Prozent zu begrenzen.

Niemand kann den Währungshütern deshalb vorwerfen, sie hätten ihre Glaubwürdigkeit verloren. Die Spannungen im Europäischen Währungssystem ließen der Bundesbank keine andere Wahl. Ein stures Festhalten an der Hochzinspolitik hätte die europäische Einigung ernsthaft gefährdet. Zwar sitzen auch jetzt noch Mitglieder im Zentralbankrat, die wohl bereit gewesen wären, auch das Europäische Währungssystem für die Geldmenge zu opfern. Aber erfreulicherweise haben sich die Realisten gegen die Dogmatiker durchgesetzt. Es ist zu hoffen, daß die Hardliner ohne europäische Perspektive auch in Zukunft in der Minderheit bleiben. Udo Perina

(Siehe auch Seite 25)