Von Dieter Buhl

Die Republikanische Partei hätte dieses Buch gern als scharfkantige Wahlkampfwaffe benutzt. Der Sprecher des amerikanischen Präsidenten und andere Republikaner hatten auch bereits damit begonnen, den Autor als "Umwelt-Extremisten" zu brandmarken. Doch ein prominentes Mitglied der Bush-Administration legte Widerspruch gegen den Verleumdungsfeldzug ein. Ausgerechnet der Direktor der US-Behörde für den Umweltschutz bekundete "großen Respekt" für das Buch des demokratischen Vizepräsidentschaftskandidaten und konzedierte ihm viel Fachkenntnis und Engagement.

Al Gore verdient diese Entlastung. Selten, wenn je, hat ein Politiker so kenntnisreich und leidenschaftlich über die Gefährdung unserer Umwelt geschrieben wie der junge Senator aus Tennessee. Lange Zeit galt er als einer der führenden Rüstungs- und Abrüstungsexperten im Kongreß. Inzwischen hat er erkannt, daß der Welt weniger Risiken aus Kanonenrohren und Raketenschächten drohen als durch die Vernichtung der natürlichen Lebensgrundlagen.

"Earth in the Balance" ("Die Erde in der Schwebe") ist nicht nur das Werk eines Politikers, der von hoher Warte mahnt und gelegentlich zum Pathos greift. Hier schreibt auch ein ehemaliger Reporter, der zu recherchieren gelernt hat und den Dingen auf den Grund zu gehen versucht. Wo immer sich die Umweltsünden am eklatantesten offenbaren, ist Gore gewesen. Er hat die Verschmutzung der Luft und des Wassers am Nord- wie Südpol beobachtet, er hat die Zerstörung des Regenwaldes in Brasilien unmittelbar erlebt und erschüttert über eine gigantische Fehlplanung auf dem Wüstengrund des ausgetrockneten Aralsees gestanden.

Aber Gore beschränkt sich nicht allein auf die Schilderung der spektakulären Umweltschäden. Er beschäftigt sich auch mit den teuflischen Kreisen einer immer intensiveren Ausnutzung der Natur, wie sie sich etwa bei der Suche nach ständig ertragreicheren "Wundergetreiden" darstellt. "Moderne Getreidearten sind genetisch paralysiert", behauptet der Senator, und deshalb ihren natürlichen Gegnern, Schädlingen oder Pilzbefall, beinahe wehrlos ausgesetzt. Die Suche nach künstlich forcierten Superpflanzen führt deshalb auch zu immer gefährdeteren Spezies. Der wiederbelebende Rückgriff auf die Gene der Ur-Pflanzen werde aber ständig schwieriger, weil deren Reservate dramatisch schrumpfen, denn "wir planieren den Garten Eden".

Für Al Gore ist Ökologie das "Studium des Ausgleichs", doch "unser System ist dabei, sein lebenswichtiges Equilibrium zu verlieren". Die Bedrohungen des Klimas dienen ihm dafür als Beispiel. "Die Beziehung zwischen der Menschheit und dem Klima hat sich umgekehrt", stellt der Autor fest. "Wo die Zivilisation einst die Launen der Natur fürchtete, muß die Erde nun unter unseren Launen leiden."

Der Politiker Gore beläßt es nicht bei allgemeinen Mahnungen und Warnungen. Für ihn beginnt der Umweltschutz auch zu Hause. Wenn etwa jeder Amerikaner – täglich – das Doppelte seines Gewichtes an Müll produziert, wie der Autor behauptet, bleibt es kein Rätsel, warum die Vereinigten Staaten einen Spitzenplatz auf der Rangliste der Umweltsünder einnehmen. Wie bei der rasanten Staatsverschuldung sieht der Senator auch beim rüden Umgang mit der Natur den Grund in der Atemlosigkeit der amerikanischen Politik. "Der politische Dialog", kritisiert er, "wurde ersetzt durch einen Wettbewerb um eine immer kürzere Aufmerksamkeitsspanne der Wähler."