Von Georg Blume

Tokio

Als Michail Gorbatschow im April 1991 als erster Moskauer Machthaber Japan besuchte, blühten die Kirschen. Zwar endete der Besuch mit einem diplomatischen Fehlschlag in der Kurilenfrage, doch wenigstens stimmte die Atmosphäre. Die Japaner auf der Straße jubelten. Und der damalige Ministerpräsident Toshiki Kaifu hegte für den Kremlherrn persönliche Sympathie. Ein Zeitalter der Entspannung zwischen Moskau und Tokio schien angebrochen – bis Boris Jelzin vergangene Woche abrupt seinen geplanten Japanbesuch absagte.

Augenblicklich schlug die Stimmung in Tokio um. Die verärgerten Gesichter von Regierungschef Kiichi Miyazawa und Außenminister Michio Watanabe verrieten, daß sie sich kurz vor einem historischen Erfolg gewähnt hatten. Die Rückgabe der vier 1945 von Stalin annektierten Kurileninseln an Japan hätte ihnen einen Platz in den Geschichtsbüchern garantiert. Nun mußten sich beide Politiker "diplomatische Amateurhaftigkeit" vorwerfen lassen. Mit der kategorischen Rückforderung aller vier Inseln hatte Japan Jelzin in die Enge getrieben. Seit Wochen stemmt sich Rußlands nationalistische Opposition gegen einen territorialen Verzicht.

An der Kurilenfrage wollten Nippons Regenten die neue Unabhängigkeit und Durchsetzungskraft der japanischen Außenpolitik erproben – und sind dabei vorerst kläglich gescheitert, zum Ergötzen der alten Schutzherren in Washington. Tatsächlich erscheint eine Kurilenlösung schwieriger denn je. Daß der Riß zwischen Tokio und Moskau tief geht, zeigte ein wütender Watanabe, als er kurzerhand mit der Aufkündigung der internationalen Hilfskonferenz für Rußland drohte, die Ende Oktober in Tokio stattfinden soll. Erst nachdem seine Diplomaten auf die weltweite Empörung verwiesen, hielt sich der Außenminister zurück. Dafür ergriffen andere das Wort: Keigo Ouchi, der publikumswirksame Chef der demokratischen Sozialisten, einer kleinen, aber einflußreichen Oppositionspartei, zürnte dem "großrussischen Bewußtsein" des russischen Präsidenten. Im Außenministerium erinnerten Beamte im Zusammenhang mit den Kurilen an die russische Expansionspolitik im 18. Jahrhundert.

Der Ton der Kritik an Jelzin erinnerte ältere Beobachter an das Feindbild früherer Tage: "Das Verhalten unserer Politiker paßt in meine Jugendzeit. Damals redeten alle vom japanisch-russischen Krieg", sagte die 87jährige Keiko Kashiyama, Tochter einer alteingesessenen Tokioter Intellektuellenfamilie. Mit dem Sieg über die russische Flotte in der Schlacht von Tsushima 1905 hatte Japan erstmals seinen Großmachtanspruch gegenüber dem Westen angemeldet.

Tatsächlich sind sich Japaner und Russen in der Geschichte nur selten als Freunde begegnet. Als 1792 der Leutnant Adam Laxmann im Auftrag Katharinas der Großen das erste russische Schiff an die japanische Küste von Hokkaido steuerte, schlug ihm schon das Mißtrauen des Shoguns entgegen. Laxmann wird höflich wieder nach Hause geschickt. 1811 suchte der russische Kapitän Wassilij Golownine erneut Kontakt. Der englische Japanhistoriker George Samson beschrieb ihn später als "den letzten ernsthaften Versuch, die Kurilenfrage friedlich zu lösen".