Von Fredy Gsteiger

Wenn sie sich selber Mut machen wollen, brüllen sie dem Feind schon mal "Allahu Akbar" ("Allah ist der Größte") entgegen. Doch im Grunde glaubt kaum einer der bosnischen Kämpfer, daß sie in einen "heiligen Krieg" gegen die Serben und Kroaten, also gegen die Christen, ziehen werden. Die Bosnier sind zwar Muslime. Doch in Sarajevo hat es wenig Sinn, sich nach der Richtung gen Mekka zu erkundigen. Und ob nun jemand Schiite oder Sunnite ist – solche Haarspaltereien interessieren hier nicht. Der Dschihad auf dem Balkan findet – entgegen allen Warnrufen – nicht statt. Vorläufig wenigstens.

Das sähe anders aus, ginge es nach einigen islamistischen Hitzköpfen im Orient. Schnell haben sie die Ohnmacht und den Unwillen des Westens erkannt, sich in Bosnien zu schlagen. Diese Schwäche wollen sie nutzen. "Schäme dich, Europa!" höhnte die türkische Zeitung Milliyet. "Die christliche Welt will keinen islamischen Staat im Herzen Europas", kritisierte die Kairoer Gazette Al-Schaab, womit sie wohl recht hat. Und ein saudischer Kommentator hält dem Westen vor, daß dort das Leben eines Muslimen nur "eine billige Ware" sei. Einmal mehr, so die Darstellung, zeigten sich Westeuropa und Amerika doppelzüngig. Ihnen ginge es keineswegs um Ideale, sondern allein um Interessen: "Und Bosnien besitzt eben kein Öl." Die Schlußfolgerung jener, die nun vollmundig die Umma, die islamische Weltgemeinde also, beschwören und deren Solidarität für Bosnien anrufen, lautet: Bewaffnet die Bosnier! Und kämpft an deren Seite gegen die christlichen Völkermörder!

Bemerkenswert ist freilich, daß sich die Regierungen der islamischen Länder trotz solcher Schlachtrufe aus den eigenen Reihen eher zurückhalten. Zwar vermag die Türkei den Blick nicht so einfach von Ex-Jugoslawien abzuwenden, wie das in mancher westeuropäischen Kapitale geschieht: Immerhin gibt es die islamischen Brüderbande zu den Bosniern, die Schutzmachtrolle für die Teile des ehemaligen Osmanischen Reiches und die drei Millionen Türken bosnischer Abstammung. Zwar buhlen der Iran und Saudi-Arabien auch diesmal wieder um die Ehre, der muslimische Vorreiter- und Musterstaat zu sein. Und schließlich nutzen Länder wie der Sudan jede Gelegenheit, von den Menschenrechtsverletzungen und den Toten im eigenen Land abzulenken.

Doch bisher brandmarkten vor allem markige Sprüche den "christlichen Kreuzzug" gegen Bosniens 1,6 Millionen Muslime. "Majestät sind endlich aufgewacht. Guten Morgen!" spottete die Beiruter Zeitung Al-Safir, als König Fahd endlich offerierte, was Saudi-Arabien immer offeriert, wenn es sich in politische oder militärische Tauziehen einschalten will: Geld. Und auch Teheran bot lange Zeit erst einmal an, was es seit Chomeinis Zeiten großzügig zu exportieren pflegt: Revolutionäre Brandreden.

Vor einigen Tagen sind zwei Jumbos der Iran Air in Zagreb eingeflogen. Zumindest in einem befanden sich 4000 Maschinengewehre, Munitionskisten und militärische Ausbilder. Zum ersten Mal ließen sich damit Waffenlieferungen aus muslimischen Ländern an die Bosnier beweisen. Bis zur Entsendung von kampferprobten Expeditionsheeren, wie sie etwa der Ajatollah Emami Kaschani verlangt, ist es freilich noch ein großer Schritt. Zwar trauern die arabischen Zeitungen seitenlang, wenn ein Freiwilliger aus dem Orient im bosnischen Kampfgetümmel fällt. Doch das täuscht nicht darüber hinweg, daß solche Mudschaheddin Einzelkämpfer sind. All die Aufrufe von Malaysia bis Marokko zur kalaschnikowschwingenden Solidarität mit den bosnischen Brüdern motivierten gerade mal einige hundert Muslime zum Einsatz im Balkan. Sie dürften das Blatt kaum wenden.

Einige muslimische Staaten haben durchaus ein Interesse, in Ex-Jugoslawien ein Wort mitzureden. Die Türkei will unterstreichen, wie unentbehrlich ihr Einfluß an der Schnittstelle von Morgenland und Abendland ist. Der Iran möchte seine islamische Führungsrolle untermalen – was wiederum die Saudis auf den Plan ruft. Hinzu kommt, zweifellos, auch die wirkliche Empörung über das Schicksal der bosnischen Muslime.