Von Ernst-Michael Brandt

Berlin

Kevin, Nadine, Janette, Mirco, René und Sven aus Manhattan und Chicago schlendern den Berg hinunter. Manhattan und Chicago, so nennen die Boitzenburger zwei Wohnblocks am Ortsrand. Auch aus den Namen ihrer Kinder hört man die Sehnsucht nach der weiten Welt heraus. Der Samstagabend ist lau; Fledermäuse umschwirren die Kronen der riesigen Alleebäume. Es ist die Nacht, in der allein in Ostdeutschland über zwanzig Asylbewerberheime angegriffen werden.

Jene Dreizehn- und Vierzehnjährigen wollen zum „Restaurant Löwentempel“. Der Name erinnert noch an die frühere Bestimmung als Speisesaal eines LPG-Lehrlingswohnheims. Der zweistöckige Bau ist überbelegt: mit 120 Asylbewerbern aus Rumänien, Bulgarien und Vietnam. Die Frauen und Kinder sitzen in den Zimmern auf gepackten Taschen, die Männer dichtgedrängt auf dem Treppenpodest. Sie flüstern miteinander. Die Anspannung ist ihnen anzumerken.

Van Dong wiegt seinen Oberkörper in monotonem Rhythmus. Die Augen blicken starr gegen die Wand. Seine Handgelenke sind weiß, so fest hält er die Machete umklammert. Unter einigen Rumänen kreist eine Wodkaflasche. Ein Bulgare schüttelt immer wieder die Dose mit dem Reizgasspray. Zwischen ihnen geht der neue Dorfpfarrer umher. Vergeblich versucht er, sie zu beruhigen.

Schon vor zweieinhalb Monaten, als der Pfarrer in den Ort mit 2000 Einwohnern kam, stieß er auf unterschwellige Fremdenfeindlichkeit. An allem sind die Rumänen schuld. Ob der Fuchs ein Huhn holt oder dreißig Kilometer weiter eingebrochen wird: Es waren die „Zigeuner“. Von denen weiß man schließlich, daß sie sich nicht waschen. Und alle haben angeblich Aids, behauptet eine Frau um die Fünfzig mit leuchtenden Augen. ABM-Stellen, die „planmäßig“ zum Jahresende auslaufen, werden angeblich nicht mehr finanziert, weil die Gemeinde das Geld für die Fremden braucht.

Inzwischen sind die Jungen und Mädchen beim „Löwentempel“ angekommen. Etwas entfernt von dem Heim stehen bereits zwanzig weitere Boitzenburger Schüler. Gemeinsam fangen sie halblaut an, all das zu grölen, was sie zu Hause und im Fernsehen aufgeschnappt haben. Halblaut deshalb, weil am Fahrradgeländer vor dem Haus der Bürgermeister steht. Er ist zugleich ihr Mathematik- und Physiklehrer. Der kennt seine Pappenheimer. Wen er in der Dämmerung nicht identifizieren kann, den kennen der Arzt und der Förster. Die stehen auch hier. Oder die Nachbarin, die mit dem Fernglas ihres Mannes ab und zu in die Fenster der Asylbewerberunterkunft schaut, wenn im Fernsehen nichts läuft: „Da tanzt manchmal dieser Grauhaarige ganz wild, dabei ist der beim Einkaufen immer so seriös.“ Sie demonstriert etwas, das an Flamenco erinnert. Sie hätte die Ausländer lieber weg: „Aber, dann wär’ es auch langweilig. Und wir lassen uns von diesen Halbstarken“ – sie zeigt auf die Schüler – „nicht rumrandalieren oder die Häuser anstecken. Hier ist nicht Rostock.“